22. Oktober 2008 Panikmacher und Weltverbesserer

Quelle
Sächsische Zeitung

Interview mit Udo Lindenberg über große Song-Themen, die DDR, das Revoluzzertum und die Stadt Riesa, wo er am Freitag mit dem Panikorchester spielen wird.

Herr Lindenberg, wieso sind Sie „Stark wie zwei“?

Weil ich nie etwas alleine mache. Ich bilde immer eine enge Verschmelzung mit Freunden, mit Eltern, Geschwistern und spüre da eine solidarische Energieeinheit. „Stark wie zwei“ ist auch ein Song der neuen Platte. Da geht es ja darum, dass du die Energie eines geliebten Menschen in dich aufnimmst, sein Vermächtnis, Liebe, Leidenschaft, das, wofür er gestanden hat.

Wie kam es zu der Idee mit den musikalischen Gästen auf der CD?

Das hat sich über Freundschaften ergeben. Mit Jan Delay, Helge Schneider, Silbermond bin ich befreundet und wenn man Musik macht, ist es nahe liegend, mal etwas zusammen zu machen.

Kann man mit Helge Schneider ernsthaft arbeiten?

Mit Helge war es sehr lustig, was man auch hört. Wir kichern viel rum dabei. Helge hat erst das Playback auf seinem Dachboden in Mühlheim an der Ruhr gemacht. Dann kam er nach Hamburg und wir haben das Lied zusammen fertiggestellt. Ja, es war sehr lustig. Es gibt davon auch sehr schöne Film-Aufnahmen.

Was ist das für ein Gefühl, die Nummer eins der Charts zu sein, zum ersten Mal in einer langen und erfolgreichen Karriere?

Es ist unglaublich! Für mich ist das unfassbar! Mir war das auch erst gar nicht so klar. Irgendwann sagten mir die Leute: Udo, das ist deine erste Nummer Eins, ja und dann gleich wochenlang! Das war eine Überraschung und große Freude für mich.

Was war Ihre erste Reaktion?

Ich habe mir erst einmal einen sechsstöckigen Eierlikör bestellt, auf die Goldenen Zeiten und so. Ich habe immer an diese Platte geglaubt, aber dass es diese Kreise ziehen würde, dass es so viele Menschen trifft, das ahnte ich nicht.

Was bedeutet Ihnen eine gute Chartplatzierung?

Ich wollte immer, dass meine Lieder von vielen Menschen zur Kenntnis genommen werden und nicht auf Nischenplätzen rumhängen. Damals, als wir anfingen, bin ich angetreten gegen den Schlagerschrott, um eine Nummer Eins zu haben, ich wollte den Riesenerfolg.

Wie wollten Sie das schaffen?

Es gibt immer wieder viel Schrott, viel Fakemusik, unechte Sachen. Wir machen aber richtig echte Sachen und legen viel Wert auf Texte, die von etwas anderem handeln als immer nur Liebe. Unsere Texte handeln auch von Religion, Politik, von Göttern, vom Tod. Ich finde es sehr wichtig, dass solche Texte stattfinden in einem schlauen Land. Da es von dieser Sorte nicht so viele gibt, sind es eben meine. Und die müssen richtig schön zur Kenntnis genommen werden und auch zur Kenntnis gebracht werden – durch die Medien.

Acht Jahre dauerte es bis zum neuen Album. War die Welt noch nicht reif für ein neues Werk von Ihnen?

Nein, ich war noch nicht reif dafür, ich war noch suchend. Es gab auf dem „Panikpräsidenten“ schon mal erste Ansätze, mit dem Lied „Mein Body und ich“. Das empfand ich schon als Lied, das in die richtige Richtung zielte. Aber wir hatten 30 Jahre Panikorchester zu feiern, eine Platte produziert und eine Tour gemacht, wo wir alle Freunde eingeladen hatten. Das war sehr schön, aber so richtig ready für was Neues war ich nicht, das hat eben gedauert.

Was bedeutet Ihnen eigentlich der Begriff Panik, der nahezu untrennbar mit Ihnen verbunden ist?

Wir wollten Panik verbreiten, gegen die Schlagerlobby auffallen. Jetzt sind wir hier, machen Panik und schreien: Alarm! Dann heißt es aber auch „Keine Panik“. Das wurde genauso ein Schlagwort. Keine Panik ist das, womit man letztlich weiterkommt. Alles geht irgendwie unter, Weltrezession, Börsencrash. Da sag ich nur: Cool bleiben und keine Panik.

Haben Sie noch etwas vom Revoluzzertum der Anfangsjahre in sich?

Ja, aber es äußert sich heute anders. Revoluzzer waren wir doch alle, wir hatten gedacht, wir könnten die Welt schnell umbauen, von heute auf morgen. Alle Menschen werden Brüder, Love & Peace. Große Ideale, die gelten ja nach wie vor. Nur dahin kommt man nicht so schnell wie in den ersten Träumen, dieses Aufflackern wie schöne, tolle Fieberträume eines Sommers ‘68. Dann hat es doch ein bisschen gedauert.

Nachdem Ost und West zusammenkamen, finden Sie, dass wir jetzt eine „Bunte Republik“ haben?

Ja, es ist schon wesentlich bunter geworden. Wenn ich zum Beispiel durch die Städte gehe und den Toleranzlevel angucke und vergleiche mit dem der Sechziger und Siebziger Jahre, der hat sich sehr gesteigert. Wenn man mal absieht von einigen Schwachmaten, die noch irgendwo im Gebüsch rumsitzen.

Hat sich Ihr persönliches DDR-Bild nach dem Mauerfall gewandelt?

Ja. Ich habe erst hinterher gehört, was manche Fans für Stress bekamen. Das wusste ich damals nicht. Das war manchmal schon schockierend für mich. Viele haben sich die Wende anders vorgestellt, sind eingetreten für einen neuen, einen antikapitalistischen, wirklich sozialistischen Weg. Da gab es viele gute Ansätze.

Haben Sie Ihre Stasi-Akten eingesehen?

Ja. Besonders überrascht hat mich, wie ernst die das genommen haben. Ich wurde belehrt, das der Staatsratsvorsitzende es nicht nötig hätte, eine Lederjacke anzuziehen und sich auf dem Klo einzuschließen, um den Gesängen dieser obskuren Nachtigall zu lauschen. Das haben die wirklich ganz ernst da aufgeschrieben. Der gesamte Aktenstapel ist einen Meter hoch.

War die DDR ein Studienobjekt für Sie?

Nein. Für mich war es elementare Sehnsucht, ausgelöst durch die Liebesgeschichte mit dem „Mädchen aus Ostberlin“, seit 1973 also. Das fand ich alles so schwachsinnig und so unhaltbar, dass mitten in Berlin eine Scheiß-Mauer stand und ich einen Tagesschein brauchte, um rüberzugehen. Ich habe aber nie daran geglaubt, dass die Mauer ewig stehen bleibt.

Wie ging es mit dem Mädchen weiter?

Wir haben heute noch lockeren, freundschaftlichen Kontakt, treffen uns auch mal. Was war, war schön. Dann ging es nicht mehr und jetzt ist alles wieder gut.

Sie waren schon mehrfach in Riesa und Dresden. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Meine erste und einzige Begegnung mit Muhammad Ali war in Riesa und das ist für mich unvergesslich. Ali ist eines meiner größten Idole. Auch an Dresden habe ich viele tolle Erinnerungen. Meine erste Ausstellung war dort im Art’otel. Aber ich finde, dort braucht ihr wieder so einen König wie August den Starken, der mal ein bisschen Feuerwerk macht und richtig schöne große Partys für Jedermann auf der Straße.

Interview: Andreas Weihs
Foto: Tine Acke

Udo Lindenberg und das Panikorchester: „Stark wie zwei“-Tour
24. Oktober, 20 Uhr, Erdgas-Arena, Riesa
Eintritt: ab 45,15 Euro
Hotline: (0351) 84042002
Internet: www.erdgasarena.de