Ausverkauft! Schon Monate im Voraus waren für die beiden Konzerte von Udo Lindenberg in Schwerin keine Karten mehr zu bekommen. Wer Glück hatte, konnte bei eBay noch welche ergattern. An zwei Tagen wurden rund 15.000 Menschen erwartet. Für die Mecklenburgische Landeshauptstadt ist das ein Highlight, das Seinesgleichen sucht. Der Veranstalter hätte die Halle problemlos auch drei, vier oder fünf Mal voll bekommen.
Nach dem Einlass bot sich den glücklichen Kartenbesitzern ein gigantisches Bühnenbild. Ein Steg, der rund 15 Meter in den Publikumsbereich hinein ragte, eine Empore am hinteren Ende und eine kleine Bar, die anfänglich kaum auffiel. Die Halle wurde dunkel und nachdem das Intro vorüber war, kamen nach und nach die Musiker auf die Bühne. Es wurde laut und auf der Leinwand tauchte ein Schiff in brechenden Wellen und tosenden Stürmen auf. Und alles so realistisch, dass die Besucher mit Stehplatz das Gefühl hatten, selbst an Bord zu sein. Nur das Salzwasser fehlte. Udo betrat mit Zigarre in der Hand locker die Bühne und stimmte gemeinsam mit seinen Panikrockern "Odyssee" an. So begann ein Abend, der für etwas mehr als zweieinhalb Stunden ein buntes Potpourri aus neuen Songs und bekannten Udo- Klassikern bot.
Neben dem Panikorchester sind von Udo Lindenbergs Shows auch die Tänzerinnen nicht wegzudenken. In teils hautengen silbernen Overalls und mit Nebelkanonen animierten sie die Zuschauer und zogen die Blicke spielerisch auf sich ("Einer muss den Job ja machen"). Wer Udo Lindenberg kennt weiß, dass er immer nur mit einem Mikrofon mit Kabel auf der Bühne steht. Nicht ohne Grund, gehört doch das Schleudern des Mikros zu ihm wie Hut und Sonnenbrille. So auch gut zu sehen bei "Ich mach mein Ding". Und genau das macht Udo Lindenberg seit nunmehr fast 71 Jahren. Der gebürtige Gronauer begann früh mit der Musik, spielte zunächst Schlagzeug (u.a. City Preachers), bevor er Anfang der 70er begann, Texte zu schreiben und sich aufs Singen zu konzentrieren. Kaum zu glauben: Erst das Album "Stark wie zwei" (2008) ging auf Platz eins der Charts. Damals war Udo 63 und hatte bereits 33 Alben veröffentlicht. Heute, neun Jahre später, macht er sein Ding noch immer. Und immer noch erfolgreich.
Mit einem Lächeln im Gesicht begrüßte er die Zuschauer und freute sich, nach 20 Jahren wieder in Schwerin zu sein. Am 9. Januar 1990 war Schwerin die erste Stadt in der nun ehemaligen DDR, in der Udo auftrat. Das verbindet Stadt und Musiker bis heute. Noch so eine Sache, die man mit Udo verbindet, ist der Eierlikör. Mit einem Gläschen in der Hand erzählte er, er habe sein Leben dem Rock'n'Roll gewidmet und stimmte den Song "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr" an. Mit voller Leidenschaft animierte er die Zuschauer und legte sich sogar an das vordere Ende des langen Stegs auf den Boden. Unter der Hüfte ein kleines Kissen. Sonst konnte man allerdings kaum glauben, dass Udo bereits über 70 ist. Dem Publikum war das aber egal. Inbrünstig sangen alle die bekannten Zeilen. Hinterher gab es noch "Durch die schweren Zeiten", bevor es wieder lauter wurde.
Gitarrist Jörg Sander kam bei "Plan B" mit Udo Lindenberg nach vorn und spielte sich in Ekstase, während auf der gigantischen LED-Wand Fotos aus dem Leben des Panikpräsidenten gemischt mit einem "virtuellen" Udo Lindenberg in rot, grün und blau dargestellt wurden. Kurze Zeit später wurde er nachdenklich. "Seit 1983 singe ich diesen Song und frage mich, wie lange ich das noch tun muss ..." In einem Reim sprach der Mann mit Hut über das Verbrechen, das an Menschen und insbesondere an Kindern verübt wird, über Waffen und all das Geld, mit dem man eine ganze Stadt jahrelang ernähren könnte, wenn die Regierungen und die Rüstungs- und Waffenindustrie nur einen Tag Pause machen würden. Auf die Stille, die während seiner Worte die Halle erfüllte, folgten tosende Begeisterungsstürme und großer Applaus. Mit Pascal Kravetz am Klavier, der den Song damals als Zehnjähriger mit Udo sang, sang er ihn auch an diesem Wochenende im Mai 2017. Und nicht nur mit ihm. Einige Kinder kamen auf die Bühne. Wie Pascal damals, sangen nun diese Kinder das Lied "Wozu sind Kriege da" gemeinsam mit dem Panikrocker, der den Kindern den Vortritt ließ und sich hinter sie stellte.
Bei "Straßenfieber" liefen Bilder und Videos von diversen Straßendemos über die Leinwand, als beim nächsten Song "Führer" klar wurde, was Lindenberg über eben solche denkt. Viele Politiker wie der Präsident der USA, Trump, Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, der Präsident der Türkei, Erdogan, Russlands Präsident Putin oder Frauke Petry von der AFD sind in seinen Augen Witzfiguren. Links und rechts auf den Leinwänden leuchteten sie immer wieder auf - mit Partyhut. Zu einem weiteren Highlight kam es kurz vor der Hälfte des Abends. Bei "Gegen die Strömung" kündigte er sein "Mädchen aus Ostberlin" an. Josephin Busch, Hauptdarstellerin des Musicals "Hinterm Horizont", begleitet Udo seit einigen Jahren. Mittlerweile verbindet die beiden eine enge Freundschaft und Josephin Busch tritt mit Udo bei vielen seiner Konzerte auf. Stilecht in FDJ-Bluse feierte sie mit Udo Lindenberg und dem Schweriner Publikum eine große Party.
Neben dem Engagement für Kinder setzt sich Udo Lindenberg auch für ein weltoffenes Deutschland ein. Im Rahmen der Kooperation mit dem Verein "Sternentaler Schwerin e.V." und dem Panikrocker lud dieser an jenem Abend vier junge Syrer, die in Schwerin eine neue Heimat gefunden haben, zu seinem Konzert ein. Gefühlt wurde die Bühne immer voller und bunter. In farbenfrohen Kostümen tanzten Musiker, der Großmeister, einige Tänzer sowie Rapper Ole Feddersen über die Bühne. Letzterer sorgte mit einer Hommage an Falco (Rock me AmaUDO) für das gewisse Etwas. Und mittendrin waren Ahmad, Feras, Abdulhamid und Hamza. Alle vier trafen Udo vor dem Konzert und waren von seiner Herzlichkeit begeistert. Auch Berührungsängste waren für den fast 71-jährigen kein Thema.
Einer der größten Hits von Udo Lindenberg ist zweifelsfrei "Hinterm Horizont". Gemeinsam mit Josephin Busch, Nathalie Dorra und Ina Bredehorn entstand am Samstagabend auf der Bühne eine Atmosphäre, die wärmer und gefühlvoller kaum hätte sein können. Gänsehaut von den Zehen bis in die Haarspitzen. Der gebürtige Schweriner Hannes Bauer legte ein Gitarrensolo auf die Bretter, Drummer Bertram Engel gab den Takt dazu, dass niemand mehr saß oder still stand. Und als wäre das noch nicht genug gewesen, sangen alle aus voller Kehle mit. Udo Lindenberg wurde nicht müde. Bei "Johnny Controlletti" wechselte er zum wiederholten Male das Jackett und zog die Schuhe aus. In hellgrünen Socken sprang er fröhlich über die Bühne. Bevor es mit "Sonderzug nach Pankow" weiter ging, stellte er "sein" Panikorchester vor. Angefangen mit "Professor" Hendrik Schaper über die Keyboarder Jean-Jacques und Pascal Kravetz, Bassist Steffi Stephan, die Gitarristen Jörg Sander und Hannes Bauer, der in Schwerin geboren wurde und die ersten drei Lebensjahre dort verbracht hatte, bis hin zu Schlagzeuger Bertram Engel. An der Bar beobachtete Josephin Busch das Geschehen und animierte gemeinsam mit Tänzerin Heather Urquhart und Backgroundsängerin Ina Bredehorn die Zuschauer auf den Rängen. Und noch immer sangen sie alle. Die Bläser um Doris Decker und Noah Fischer tanzten ausgelassen auf dem Steg und ihr "Chef" ging im Bühnengraben auf Tuchfühlung mit seinen Fans.
Bei "Candy Jane" wurde es auf der Bühne noch voller als es eh schon war. In farbenfrohen Kostümen standen Krankenschwestern neben Trompetern, tanzten Bauarbeiter auf Stahlträgern, Tänzerinnen in hautengen Outfits bewegten sich in Ringen, die von der Decke hingen, und eine gut gelaunte Josephin Busch stand auf der linken Seite der Bühne und tanzte ausgelassen. Fast fließend ging es in den Endspurt. "Reeperbahn" brachte die Zuschauer unter denen auch fünf Sportlerinnen waren, von denen Udo bekennender Fan ist, zum Tanzen. Er hatte fünf aktuelle und ehemalige Spielerinnen des Deutschen Volleyball-Meisters Schweriner SC eingeladen und auch diese sangen begeistert mit. Vor dem entscheidenden Spiel hatte der Panikrocker bereits in einer Nachricht den "Süßen Kurzen" die Daumen gedrückt. Alle in der Halle wedelten mit den Armen und sangen lauthals mit.
Den Song "Stärker als die Zeit", der auch gleichzeitig Tour und Album seinen Namen gibt, widmete er seiner Schwester Inge. Wieder lauschten alle in der Halle den Worten Udo Lindenbergs. 2011 erschien das Lied "Das Leben" und passend dazu kam Carola Kretschmer auf die Bühne. Schon 2008 begleitete die "Tigerin", wie Udo sie nennt, ihn auf der "Stark wie zwei"-Tour und auch in den 1980er Jahren gehörte sie, wie kaum eine andere, zum Panikorchester. Auch sie bekam einen herzlichen Applaus. Jörg Sander wechselte inzwischen zur Akustikgitarre und Nathalie Dorra, ebenfalls Ensemble-Mitglied, ging beim Singen sogar vor dem Publikum auf die Knie. Dieses zeigte bei "Sternenreise" Kreativität. Zu Beginn des Songs wurde es in der Halle dunkler. Bis die rund 7.500 Zuschauer die kleine LED an ihrem Handy einschalteten. Ein Meer aus Lichtern bot, insbesondere von oben, ein herrliches Bild. Party war an beiden Abenden (Samstag und Sonntag) ein großes Thema. Und "Honky Tonky Show" durfte auf dieser Party auf keinen Fall fehlen. Wieder kamen die Kinder auf die Bühne. Und diesmal sogar stilecht im Udo-Outfit. Nur einer nicht. Der letzte im Bunde trug ein Darth Vader Kostüm, was für allgemeine Erheiterung sorgte.
Mit "Eldorado" und "Goodbye Sailor" verabschiedete sich der Wahl-Hamburger von den Schwerinern. Aber auf seine Art und Weise zum Song "Woddy Woddy Wodka". Mit Hilfe seiner Tänzerinnen stieg er in seinen "Udonauten" Anzug Mit Feuereffekten und viel Nebel hob die Rakete ab und das Konzert ging mit einem gigantischen Knall und viel Konfetti zu Ende.
Das Phänomen Udo Lindenberg versteht es, die Menschen zum Feiern, aber auch zum Nachdenken zu bringen. Und immer wieder auf seine beeindruckende Art, mit der es ihm gelingt, dass die Menschen ihm zuhören. Auf der Bühne ist er zuhause, wie kaum ein anderer Musiker. Mit seinem aktuellen Album "Stärker als die Zeit" fasziniert er, wie schon seit über 40 Jahren, seine Zuschauer, die immer wieder zu seinen Konzerten kommen. Egal, ob es 5.000 Menschen in einer Halle oder 50.000 Menschen in einer Arena sind. Egal, ob jung oder jung geblieben. Udo hat sie alle.
Text: Lisa Bach
Fotos: Tine Acke