Udo Lindenberg: Rockstar, Panikpräsident und engagierter Kämpfer für Frieden und Umwelt. Besonders lagen ihm die Menschen in der DDR am Herzen. Wie sehr, das zeigt jetzt eine Ausstellung in Leipzig.
In Leipzig eröffnet eine Ausstellung mit Werken des Malers Udo Lindenberg. Klingt komisch, ist aber für Fans des deutschen Rockstars nichts Neues: Udo Lindenberg zeichnet und malt schon sein ganzes Leben lang. 30 Jahre nach dem Mauerfall präsentiert die Ausstellung "Zwischentöne" Udo Lindenbergs politische Kunst, die auch sein großes Interesse an den Menschen in der früheren DDR widerspiegelt. Dass die Ausstellung in Leipzig ist, hat für Udo Lindenberg wegen der Montagsdemonstrationen, die vor genau 30 Jahren von dort ausgingen, einen starken symbolischen Charakter, wie er im DW-Interview erzählt: "Man wusste ja nicht: Geht das friedlich aus oder kommen doch die Panzer oder die Knarren oder so. Das war echt ein Wagnis. Und deswegen jetzt meine Hommage hier und diese Verneigung vor den Ersten, vor Pionieren, vor den Frauen und Männern der ersten Stunde."
Neben einem goldenen Trabbi und der berühmten Honecker-Schalmei sind in der Ausstellung Gemälde, Fotos aus seiner Karriere und bemalte Akten zu sehen, die die Staatssicherheit der DDR über den Sänger führte.
In Leipzig eröffnet eine Ausstellung mit Werken des Malers Udo Lindenberg. Klingt komisch, ist aber für Fans des deutschen Rockstars nichts Neues: Udo Lindenberg zeichnet und malt schon sein ganzes Leben lang. 30 Jahre nach dem Mauerfall präsentiert die Ausstellung "Zwischentöne" Udo Lindenbergs politische Kunst, die auch sein großes Interesse an den Menschen in der früheren DDR widerspiegelt. Dass die Ausstellung in Leipzig ist, hat für Udo Lindenberg wegen der Montagsdemonstrationen, die vor genau 30 Jahren von dort ausgingen, einen starken symbolischen Charakter, wie er im DW-Interview erzählt: "Man wusste ja nicht: Geht das friedlich aus oder kommen doch die Panzer oder die Knarren oder so. Das war echt ein Wagnis. Und deswegen jetzt meine Hommage hier und diese Verneigung vor den Ersten, vor Pionieren, vor den Frauen und Männern der ersten Stunde."
Neben einem goldenen Trabbi und der berühmten Honecker-Schalmei sind in der Ausstellung Gemälde, Fotos aus seiner Karriere und bemalte Akten zu sehen, die die Staatssicherheit der DDR über den Sänger führte.
Seit Mitte der 1970er Jahre hatte Lindenberg an einem Auftritt in der DDR gearbeitet, doch die Kulturfunktionäre mochten den Frechdachs aus dem Westen nicht hineinlassen. Obwohl er in der DDR viele Fans hatte, durften seine Songs in den Diskotheken und im Radio nicht gespielt werden, öffentlich getragene Fan-Devotionalien galten als Zeichen des Protests und waren verboten.
Die Staatssicherheit hatte Udo Lindenberg und sein Panikorchester schon lange im Visier; der erste Stasi-Vermerk über Lindenberg stammt aus dem Jahr 1976. Darin heißt es, der BRD-Musiker sei ein "mittelmäßiger Schlagersänger", der "betont anarchistisch" auftrete. In einem anderen Eintrag steht: "Seine Erscheinung ist geprägt durch eine typische, fast standardisierte Kleidung (Filzhut, Röhrenhosen aus Gummi, Halbstiefel und T-Shirts meist schwarzfarben) und durch eine bewusst fläzige und lässige Gestik." Über die "Gummihosen" hatte sich der Musiker später köstlich amüsiert - er trug natürlich Lederhosen.
Einer so subversiven Figur wie Lindenberg wollten die DDR-Funktionäre in ihrem Land keine Bühne geben. Sie hatten bereits genug damit zu tun, ihre eigene Musikszene unter Kontrolle zu halten - denn dort blühte gerade der Punk auf. Doch dann kam im Frühjahr 1983 Udo Lindenbergs musikalischer Clou: das schnodderige "Sonderzug nach Pankow". Hier schickte er dem damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden, dem "Oberindianer" Erich Honecker einen musikalischen Gruß: "Ey, Honey, ich sing' für wenig Money im Republik-Palast, wenn ihr mich lasst". Er duzt den Staatsratsvorsitzenden, nennt ihn "sturer Schrat", glaubt, dass Honecker "eigentlich 'n Rocker" ist: "Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an und schließt Dich ein auf'm Klo und hörst West-Radio".
Eine Unverschämtheit in den Ohren der DDR-Funktionäre. Die Staatssicherheit notierte in ihrer Lindenberg-Akte: "Das Lied stellt eine Diffamierung des Generalsekretärs der SED [Erich Honecker, d.Red.] sowie der Kulturpolitik der SED dar." Der Song galt als "Schmählied" und erfüllte den Straftatbestand der "Beleidigung". Trotzdem wurde das Lied in den Diskotheken rauf- und runtergespielt. Die Spitzel bekamen das mit - DJs (in der DDR "Schallplattenunterhalter") wurden verhaftet. Zwei junge DJs aus Cottbus bekamen sogar fünfmonatige Haftstrafen.
Währenddessen aber spitzte sich die weltpolitische Lage weiter zu. Im Zuge des Natodoppelbeschlusses begannen die Westmächte, atomare Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu stationieren - es war nur eine Frage der Zeit, bis die Bundesrepublik ebenfalls damit beginnen würde. Und plötzlich erschien der DDR-Führung ein Friedensengel aus dem Westen gerade richtig. Udo Lindenberg wurde eingeladen - und sollte nicht nur im Ostberliner Palast der Republik auftreten, sondern in weiteren DDR-Städten.
Der Auftritt fand am 25. Oktober 1983 statt. Und lief erst mal so, wie man es sich erträumt hatte. Eine Prestige-Veranstaltung, zeitversetzt, aber ungeschnitten im DDR-Fernsehen übertragen. Udo machte seinen Job: "Wir spielen heute Abend für den Frieden und für alle Menschen in der DDR, zum ersten Mal, für euch hier in der Halle und für euch zu Hause an der Glotze. Wir finden das total Spitzen-Spitze, dass wir hier sind." Doch dann scherte er aus: "Weg mit allem Raketenschrott - in der Bundesrepublik und in der DDR! Nirgendwo wollen wir auch nur eine einzige Rakete sehen, keine Pershings und keine SS-20!"
Das war zuviel. Staatsführung und Funktionäre mussten mit ansehen, wie Udo Lindenberg für diese Äußerung gefeiert wurde. In einem weiteren Stasi-Papier wird ein Informant zitiert, der beschrieb, dass "der Auftritt Udo Lindenbergs eine größere Begeisterung auslöste, als von den verantwortlichen Funktionären der FDJ erwartet wurde. Hätte Lindenberg seinen Auftritt auch nur um ein Lied ausgedehnt, wären vermutlich die Zuschauer trotz der vorherigen Belehrung nicht mehr zu disziplinieren gewesen."
Die Konsequenz: Udo Lindenbergs Tournee durch die DDR wurde abgesagt. Das Problem mit dem "Staatsfeind" und aufmüpfigen DDR-Jugendlichen wollte man sich vom Hals halten.
Udo Lindenberg jedoch gab nicht auf. Immer wieder bemühte er sich um eine neue Auftrittsgenehmigung in der DDR, nahm persönlichen Kontakt mit Erich Honecker auf. 1987 schenkte er dem Staatsratsvorsitzenden eine Lederjacke. Im Gegenzug erhielt Lindenberg eine Schalmei, ein Blasinstrument, auf dem Honecker in seiner Jugend gespielt haben will. Kurz darauf besuchte Honecker das Saarland. Und schon stand Udo Lindenberg mit einer E-Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren" vor ihm. Die sei ein "Symbol unserer gemeinsamen Friedensbemühungen", schmierte Udo dem DDR-Chef Honig um den Bart. Honeckers Antwort: "Gitarren statt Knarren, vollkommen richtig, weiterhin viel Erfolg, und auf Wiedersehen in der Deutschen Demokratischen Republik."
Ein Wiedersehen in der "Deutschen Demokratischen Republik" aber sollte es nicht mehr geben. Selbst wenn Erich Honecker dem westdeutschen Rockstar am Ende mit einer gewissen Gutmütigkeit begegnete - die Kulturfunktionäre im Politbüro blieben hart. Keine Einreise für Udo Lindenberg. Als die Mauer in der Nacht vom 9. November fiel, flog Lindenberg sofort nach Berlin: "Ich hab mich dann ein bisschen getarnt. Also nicht mit Hut, sondern mit Tarnmützen, Perücken und Trallala - angemalte Bärte und so. Und dann raus in die Straßen und tagelang da rumgezischt und mich gelegentlich zu erkennen gegeben. Die haben es gar nicht geglaubt: Ist das der echte Udo oder ein Double oder so." Dies sei die schönste Party seines Lebens gewesen, erzählt Lindenberg der DW. 1990, im Jahr nach dem Mauerfall, konnte er endlich im Osten Konzerte geben und sich damit seinen Traum, seine ostdeutschen Fans zu besuchen, erfüllen.
Die Ausstellung "Udo Lindenberg. Zwischentöne" ist bis zum 24. November 2019 im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen.
Text: Silke Wünsch
Fotos: Tine Acke