Udo Lindenberg liefert im Nürnberger Stadion eine bombastische Show ab. Dass es dazu noch einmal kommt, ist das größte Wunder der jüngeren Musikgeschichte.
Nürnberg - Das Likörell strahlt farbenfroh aus dem Schaufenster der Galerie Voigt in der Oberen Wörthstraße. Udo ist in der Stadt, da wird das beste Pferd im Stall (zumindest für diesen Tag) natürlich prominent platziert. Lindenberg, der Schnapsmaler. Hier bei Voigt in Nürnberg kann man seine Bilder kaufen, für um die 4000 Euro. Bilder aus Eierlikör, Blue Curaçau und ähnlichem, das kräftig in jeder Hinsicht ist. "Alle Tage sind gleich lang, jedoch verschieden breit", heißt ein Werk von ihm.
Um 23 Uhr, nach einer gigantischen Drei-Stunden-Show vor fast 20 000 Besuchern in der Grundig-Arena, schießt dieser Satz wieder ins Hirn. Das Leben ist, was du draus machst.
Lindenberg hat seinem Dahinleben wieder Leben eingehaucht. Nach Jahren im Suff- und Drogenrausch ("Früher ging ich in die Kneipe nach dem Motto: Was muss hier weg?"), in denen der aufgedunsene Lindenberg wie ein peinliches Double seiner selbst wirkte, ist der gerade 70 gewordene ("Ein Männchen hatte vor ein paar Tagen Geburtstag, hahahaha, Eierlikör für alle.") wieder sein Geld wert. 65 bis 90 Euro mussten die Fans für ihre Karten berappen. Nicht wenig für einen, der eigentlich schon weg war, erst mit seinem letzten Album "Stark wie zwei" zurückkehrte auf die große Bühne, für die er sich mit täglichem Joggen nachts um 2 Uhr durch Hamburg fit macht. Er präsentiert sich fitter als an manchen Tagen als Mitfünfziger. Seinem "Body", seinem Körper, dankt er auf dem neuen Album und entschuldigt sich für all die Strapazen. Seine Stimme hat nicht gelitten. Sie ist gewaltig, breiter als je zuvor, klarer als erwartet. Whiskey und Zigarre haben gute Arbeit geleistet, dem Body zulasten.
Auf der Bühne vereint Lindenberg eine Mannschaft, die gut und gerne auch im Zirkus ihre Geld verdienen könnte. In den letzten 60 Minuten gerät das Konzert scheinbar aus den Fugen. Warum wer auf der Bühne steht und weshalb er dieses oder jenes Kostüm trägt, erschließt sich nur mit viel Fantasie. Am besten ist in diesem Moment: Gar nicht darüber nachdenken: Breite entwickeln. Die Panikband und ihre Gefolgschaft bietet dem Fußvolk auf dem Stadionrasen genau das, was es braucht: Klamauk, den es sich selbst mit viel Eierlikör nicht auszuleben getraut. Am Ende stehen alle, die stehen können. Auch der Baukran hinter der Bühne. Er lässt das Raumschiff in die Udosphäre herab, hinaus wirbeln sich vier schneidige Damen an Gummiseilen im hautengen Anzug und ein grüner Jüngling, der mit Udo sabbelt. Einer der Höhepunkte dieses Abends. Sinnerforschung zwecklos, weil auch auf der Bühne Hula-Hoop getanzt oder Rad geschlagen wird. Selbst die größte Mühe für das Erkennen einer Choreografie ist zwecklos. Es gibt sie einfach nicht. Für Lindenberg sind das die perfekten Momente, schon immer gewesen. Wenn all das, was da passiert, einfach eine Riesenparty mit 40 Feiervögeln ist, die so auch auf der Dachterrasse über seiner Suite im Hotel Atlantic stattfinden könnte. Laufen lassen. "Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los", heißt es in einem seiner Lieder. Lindenberg schmeißt es eimerweise hinein in die Menge, die es auffrisst und nach mehr giert - nicht nur musikalisch.
Lindenberg sendet an diesem Abend wie eh und je auch politische Botschaften, nicht nur in seinen Liedern. "Angie" in Berlin warnt er in seinem Monolog vor zu viel "Herumgeeier mit dem Versuchssultan". Gemeint ist der "Erdowahn". Gelächter im Rund. Lindenbergs Honecker heißt heute Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, der die Kanzlerin in Sachen Flüchtlingsstrom in seinen Augen am Nasenring durch die Manege führt. Wäre Udo der Dompteur Deutschlands, würde er erst mal die Waffenexporte einstellen. Deutschland ist der drittgrößte Lieferant weltweit. Den Worten folgt "Wozu sind Kriege da?" Die Arena schweigt, Kinder singen, Männer und Frauen wischen sich die Tränen aus dem Gesicht.
Zur Breite eines Tages gehört nicht nur die Übertreibung, sondern auch das Innehalten. Aber nur kurz. Am Ende steigt Lindenberg hinein in seinen Raumanzug und entschwebt in einer Kapsel über die Bühne hinter die Bühne, begleitet von Feuerfontänen und -werk. Unter dem wäre es seiner auch nicht würdig gewesen.
Text: Sören Göpel
Foto: Tine Acke