01. August 2013 Pop-Legenden: Udo Lindenberg - Filmische Verbeugung

Quelle
Frankfurter Rundschau, 01.08.2013

Die "Pop-Legenden"-Folge über Udo Lindenberg ist vor allem ein Musikfilm, der auch das Gefühl vermittelt, nicht bloß dem Musiker, sondern auch dem Menschen hinter der Kunstfigur Udo Lindenberg relativ nah ezu kommen.

Im Gegensatz zur „Pop-Legenden“-Folge über Amy Winehouse, die sich mancherlei Anleihen beim Boulevard bediente, war dieses Porträt Udo Lindenbergs vor allem ein Musikfilm. Natürlich machte Autor und Regisseur Lutz Rosenkranz auch den unvermeidlichen Abstecher in die Kindheit, aber diesmal ging es nicht wie bei Winehouse um die Wurzeln späteren Übels, sondern um die ersten Schritte ins Musikgeschäft: weil schon der kleine Udo im westfälischen Gronau auf allem rumtrommelte, was einen Klang von sich gab. Mit Mitte zwanzig galt Lindenberg als einer der begabtesten deutschen Jazztrommler und arbeitete mit Klaus Doldinger („Passport“), eher er vor vierzig Jahren sein Panikorchester gründete und auf diese Weise den Grundstein für eine der eindrucksvollsten deutschen Gesangskarrieren legte.

Natürlich spielte auch Lindenbergs zwischenzeitlich exzessiver Alkoholkonsum in dem Film eine Rolle, aber selbst in diesen Momenten ging es eher um den negativen Einfluss der Trinkerei auf die Kreativität. Sogar ein Weggefährte wie der „Panik“-Kumpan Steffi Stephan machte keinen Hehl daraus, dass der Star eine Weile lang ein bedenklich tiefes künstlerisches Tal durchwandert hat; auch wenn Lindenberg selbst sich euphemistisch als „Erleuchtungstrinker“ bezeichnete. Ansonsten aber sprachen beispielsweise Peter Maffay, Nina Hagen oder Inga Humpe ausgesprochen respektvoll über ihren Kollegen, dessen Album „Andrea Doria“ 1973 einen Paradigmenwechsel in der hiesigen Popmusik eingeleitet und die deutsche Sprache vom Stigma des Schlagers befreit hat.

Der Mensch hinter der Kunstfigur

Der Beitrag zur ARD-Reihe „Legenden“ war nicht das erste Lindenberg-Porträt von Rosenkranz. Das zahlte sich aus, und das nicht bloß, weil Rosenkranz schon bei diversen Ereignissen in der langen Karriere des Musikers dabei gewesen ist. Selbst wenn Lindenberg im langen Interview nicht mehr preisgab, als er wollte: Man hatte trotzdem das Gefühl, nicht bloß dem Musiker, sondern auch dem Menschen hinter der Kunstfigur Udo relativ nahe zu kommen. Unumwunden gab er zu, dass er sich für sein „Panik-Universum“ neben Figuren wie Elli Pirelli und Rudi Ratlos auch „den Udo“ ausgedacht hat; anschließend musste er die Rolle nur noch „zu seinem Leben machen.“

Großen Anteil an der Qualität des Films hatte nicht zuletzt die Auswahl der Gesprächspartner. Lindenbergs Schwester Inge zum Beispiel hatte weit mehr als bloß den üblichen Verwandtschaftskäse beizutragen. Selbst die Aussagen des langjährigen Bodyguards mit dem schlagkräftigen Namen Eddy Kante hatten ihre Berechtigung. Dem Reihentitel aber wurde der Film vor allem wegen der Bewunderung gerecht, mit der sich jüngere Kollegen wie Jan Delay oder Clueso über ihr großes Vorbild äußerten. Die Bezeichnung „lebende Legende“ ist ja nur bei wenigen Künstlern wirklich angebracht; im Fall des Gesamtkunstwerks Lindenberg steht ihre Berechtigung außer Zweifel.

Text: Tilmann P. Gangloff
Foto: Tine Acke