11. Oktober 2012 „Rocker kennen keine Rente“

Quelle
Hannoversche Allgemeine, 11.10.2012

Freundin Tine Acke setzt Udo Lindenberg ein Denkmal in Bildern. Heiraten wollen die beiden aber deshalb nicht gleich. Der Altrocker im Interview über das Leben zwischen Reeperbahn und Potsdamer Platz.

Berlin. Die vergangenen Jahre waren ein Lindenberg-Feuerwerk. Musical. CD. Tournee, alles erfolgreich. Hat Sie das überrascht?

Ich wusste auch nicht genau, was kommt, und war ziemlich platt. Da wundert sich sogar E.T. auf seine alten Tage. Ein Hammer, E.T. ist hocherstaunt. Eins nach dem anderen hat funktioniert, Beruf Rekordbrecher. Ich freu mich jeden Tag wie ein Kleinkind. Das ist alles geil.

Gab es irgendwas, was Sie besonders stolz gemacht hat?

Musical kannte ich noch nicht. Ich bin früher schreiend aus Musicals und vom Operettengejaule weggerannt. Dann haben wir ein bisschen gecheckt, was die so machen in Vegas, in New York, in London, und gemerkt: Geht ja auch in gründlich. Mit der eigenen Stimme im eigenen Land. In einer Stadt wie Berlin. Das auf die Bühne zu bringen war eine Art Rausch. Wir sind im dritten Jahr, weil das mehr ist als ein Theaterstück mit meinem Sound. Die Songs dokumentieren auch Zeitgeschehen. Deutsch-deutsche Geschichte und was der Schwachmat Honecker da gemacht hat, und dann die Mauer weg und Freudengejohle. Die neue Familie. Die letzte Tour war auch eine Offenbarung, ein Meisterwerk. Es war eine HIGHlige Idee, wie wir das gemacht haben, kollektives Glück, alle auf demselben Stern. Und jetzt das geniale Buch mit den Fotos, die Fotobibel.

Ihre Freundin Tine Acke hat Tausende Bilder dafür gemacht. Nervt das nicht irgendwann? Sind Sie bei Fotos eitel?

Ich bin aus Schokolade drum rum, nur Schokoladenseiten, eine Schokoladenfabrik! Da habe ich totales Vertrauen. Tine kennt mich richtig gut. Sie rennt unauffällig rum und fotografiert die Cello-Frau aus dem Schatten raus. Ich bin da am Zwitschern und Dancen und Rumrennen, das kriege ich gar nicht mit. Sie hat das auch selbst zusammengestellt. Ich guck da zwischendurch mal kurz rein, sie weiß aber besser, was ankommt. Und es ist supergeil geworden, eine Offenbarung.

Wie haben Sie das fertige Buch gefeiert?

Champagner drüber gekippt und dann den Champi vom Buch abgetrunken. Das sind goldene Zeiten, und dass das noch weitergeht, ist geil.

Also keine Rente? In der neuen Single „Das Leben“ singen Sie ja auch „Ey Amigo, schau nach vorn“.

Rocker kennen keine Rente und das Leben muss man jeden Tag mit beiden Händen greifen. Keine Durchhängerei erlaubt. Ich mach ein bisschen Entdeckungstour. Erst mal umschauen, mit Schiffen unterwegs sein. So wie James Cook – mal gucken, wo der Südkontinent ist. Und die Südsee. Und zwischendurch ein bisschen machen, was ich mache, damit ich dann irgendwann mit voller Energie durchstarten und volle Energie machen kann. Ich will immer dahin, wo keiner war, mit Kumpels. Und mit neuen Freunden wie Clueso und Jan Delay. Ich bin da echt privilegiert und ein Glückspilz. Das würde ich jedem wünschen.

Sie haben jetzt auch eine Wohnung in Berlin am Potsdamer Platz zum Feiern mit „Freunden und Indianern“. Wie wird man Ihr Freund oder Indianer?

Das wird man nicht, das ist man schon. Aus irgendwelchen Gründen sind die Planeten nur bisher aneinander vorbeigerast. Irgendwann kommt es zur Begegnung und mit unseren Spürnasen kommen wir dann sofort zusammen, da weiß man gleich Bescheid. Ich habe einen echt ziemlich großen Freundeskreis, der ständig erweitert wird. Gibt auch immer eine kleine Fluktuation, aber die meisten sind immer da. Ich hab ja keine Familie im normalen Sinn, statt Familie habe ich meine Indianer. Ich mach Chili con Carne, Chillen und Partymachen, da oben in meinem Spacehip im Hochhaus in Berlin. Das ist gesetzesfreier Raum.

Aber Hamburg bleibt Panikzentrale?

Ich lebe in beiden Städten gern. Ich liebe Berlin wirklich sehr, und in Hamburg habe ich eine sehr gute Connection. Und die Reeperbahn. Das geht gut an da und Berlin gut ab. Liegen ja dicht beieinander. Ich bin aber auch viel in Köln und in München. Deutschland wurde ja breiter und ich manchmal auch.

Haben Sie in dem Buch Ihrer Freundin ein Lieblingsbild?

Ich finde die Entstehungsgeschichte von einem Foto geil. Da hing Tine an der Hallendecke, und ich dachte, hoffentlich stürzt die da nicht runter. Sonst hätte ich meinen Hut abgenommen und sie aufgefangen. Auf dem Bild liegt der Kinderchor auf dem Laufsteg, und da ist Nebel, dazwischen dieser Sänger. Sieht alles sehr geheimnisvoll, fast unwirklich aus. Dann gibt es intimere Bilder, aber auch ganz andere mit der Panikfamilie. Darauf sieht man die Energie und auch Harmonie. Da war alles tiefenentspannt auf der Tour, ich hatte auch keine dramaturgischen Schreianfälle und nichts. Ich bin ja von der geschmeidigen Sorte. Tagsüber entspannt und abends Adrenalin auf der Bühne. Das ist wie beim Paten früher in New York, echte Familienfeiern.

Und, Frau Acke und Sie? Inzwischen sprechen Sie offiziell von „Liebe“. Irgendwann doch noch Hochzeit?

Nee, das gibt es bei mir nicht. Ich brauche keine Beamten, die einen Stempel auf meine Feelings knallen. Wenn, wird’s eine Vogelhochzeit in einem Baumhaus. Und so Zwerge gibt es auch nicht. Oder es gibt sie schon, und es wird nicht bekannt gegeben. Aber meine Kinder hätten es auch oft schwer, weil dann alle einen Hut draufsetzen würden und wollen, dass die wie Papa werden. Es gibt so viele Kinder, die Hilfe brauchen, da kann man dann eine Patenschaft übernehmen. Das hat doch mehr Sinn.

Interview: Sebastian Scherer
Foto: Daniel Reinhardt/dpa

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