19. Oktober 2008 Satter Rock und Panik-Lyrik: Udo Lindenberg in Essen

Quelle
Westfälische Nachrichten/Borkener Zeitung, 18.10.2008

Im Astronautenkostüm schwebt Udo Lindenberg auf die Bühne. Und wenn man von dort kommt, wo dieser „Udonaut“ gestartet ist, irgendwo im Niemandsland des Rock’n’Roll-Universums, dann darf man Essen auch zum Stadtrand von Gronau erklären. Und so machte der Panikrocker, der vor Jahrzehnten theatralische im Westmünsterland den Daumen in den Wind hielt, um der Provinz zu entfliehen, sein Konzert am Freitagabend in der Grugahalle zum gefühlten Heimspiel mit Freunden und Freuden.

Im Frühjahr hatte sich Udo Lindenberg mit einem gefeierten Album zurückgemeldet und wahr gemacht, was er schon lange sagte: Kein Ewig-Gestriger Selbstzitierer wolle er sein, sondern gleich einer „Forscherfirma“ nach vorne blicken. Fans wie Kritiker reagierten geradezu überschwänglich auf „Stark wie Zwei“, lobten die persönlichen Texte, das klare Spiel von Original-Panikrockern und Ersatzspielern und die coole Selbstironie des Udo L. Das alles galt es nun live umzusetzen.

Mit „Woddy Woddy Wodka“ aus dem neuen Album steigt Lindenberg ein. Das Panikorchester zeigt schon beim ersten Song seine ganze Stärke: Es kann leise und verspielt, Sekunden später aber geradezu brachial die Halle mit einem kugelrunden, warmen Rock-Sound füllen. Dann reicht ein präziser Hieb von Bertram Engel auf sein monströses Schlagzeug, um bis in die letzte Reihe zu begeistern. Und die Gitarren zaubern eine Wand, die sie gerne „das Brett“ nennen.

Nach dem Opener fällt der Astronauten-Overall, und zum Vorschein kommt der Sänger im Original-Lindenberg-Kostüm samt Hut, Sonnenbrille, Krawatte und der schwarzen Hose mit seitlichen Streifen. Tausendfach kopiert, hier steht das Original. Der schwankende Gang: nur gespielt. Die flatternden Hände, die kreisenden Knie, der verzogene Mund - längst kultiviert zum Inbegriff von Lässigkeit. Man muss Udo Lindenberg viel Selbstironie unterstellen, um das nicht befremdlich zu finden.

Hier glauben ihm alle alles. Schließlich hat der Gronauer Udo Lindenberg das Gesamtkunstwerk Udo Lindenberg selbst erfunden. Jetzt zieht er die Nummer durch. „Keine Panik!“, ruft er in den Saal. Und die an sich sinnlose Parole geht unverdächtig als lindianisches Glaubensbekenntnis durch. Wir wollen Panikrock, was immer das ist, aber wollen, dass keine Panik sei. Eine Udologie.

Mit „Boogie Woogie Mädchen“ als Nummer zwei legen die Panikrocker, darunter natürlich Gründungsmitglied und Bassist Steffi Stephan aus Münster, gleich einen alten Kracher nach. Den Rest des Abends legen sie erstaunlich konsequent Wert auf das neue Album. Zwölf Titel von „Stark wie Zwei“ spielen sie. Das ist bemerkenswert, weil viele gleichaltrige Rockstars vergeblich versuchen, Neues zu etablieren, während die Fans dann doch nur wieder „Start me up“ hören wollen. Udos Fans wollen aber auch das Neue hören. Alle Achtung! Also feiern sie die Senioren-Darsteller, die Krückstock-gestützt bei „Der Greis ist heiß“ über die Bühne strumpeln, singen mit bei „Mein Ding“ und lassen sich packen vom nachdenklichen „Was hat die Zeit mit uns gemacht“.

Dazwischen: Ansagen in typischer Lindenberg-Lyrik. „Es muss ja nicht jeder von Berufs wegen so viel Alkohol trinken wie ich früher“, parliert der bekennende Ex-Exzessor. Sieben Jahre lang habe er jeden Tag in der Kneipe eine halbe Flasche Korn getrunken, um eine tiefe Stimme wie Charles Bronson zu bekommen. „Ich hab’s doch für euch getan!“, sagt er, um dann in „Säufermond“ die ganze Tragik des Alkoholikerdaseins so wunderbar formuliert darzustellen, wie es außer ihm nur wenige können. Ja, wer eigentlich?

Plötzlich steht Helge Schneider auf der Bühne und sorgt für ein skurriles Intermezzo. Erst spielt er einen Song auf dem Saxofon mit, was untergeht, weil das Mikro streikt. Dann setzt er sich mit Udo ans Klavier, um das Duett „Chubby Checker“ zu spielen. Leider steht der Monitor mit den Texten so weit weg, dass Udo und Helge nichts lesen können und irritiert improvisieren müssen. „Wuff, wuff, wuff“, ruft Helge plötzlich. Diese Zeile aus „Chubby Checker“ ist ihm wieder eingefallen. Gekonnter improvisieren alle gemeinsam dann in schönster Session-Manier spontan Gershwins „Summertime“. Da wird klar: Das sind nicht nur ulkige Popstars, sondern richtig gute Musiker!

Nach zweieinhalb Stunden und einem satten Finale samt „Andrea Doria“ und „Candy Jane“ ist die Show vorbei. Der Astronaut musste weiter.

Text: Gunnar A. Pier