Am 11. Mai kommt Udo Lindenberg in die Riesaer Sachsenarena. Ein Interview über Fitness im Alter und Großenhainer Eierlikör.
Riesa. Einen Moment ist er irritiert, wer denn nun am anderen Ende der Leitung ist. „Chemnitz war das, nicht?“ Als er dann „Riesa“ hört, weiß Udo Lindenberg aber sofort Bescheid. „Yeah, Riesa, Erinnerungen!“, sagt er. Dann fällt ungefragt der Name Muhammad Ali. Als die Boxlegende 2002 nach Riesa kam, da gab der Panik-Rocker in der Stadthalle ein Konzert. Eine Begegnung, die offenbar auch bei ihm Eindruck gemacht hat. Kurz vor dem Start seiner Tour nimmt sich Lindenberg die Zeit für ein Telefonat mit der SZ. Es ist 17 Uhr, der Musiker sitzt in seiner Suite. „Hotello Atlantic, Hippie-Hausen“, sagt er und lacht. Schnell eine Zigarre angezündet, dann kann das Interview losgehen.
Udo, dein letzter Auftritt in Riesa liegt fast zehn Jahre zurück. Welche Erinnerungen hast du an die Region?
Ja, ich verbinde damit unseren Start nach dem Mauerfall in der ganzen Gegend. Diese unvergessliche Tour 1990, da waren wir in vielen Städten in der ehemaligen DDR. Das waren ganz tolle Begegnungen mit den Leuten da, den Lindianern. Die konnten endlich selbst bestimmen, wer auf die Bühne kommt. Ich wusste, ich hab’ viele Freunde da, die hatt’ ich nur noch nie getroffen. Denen zu begegnen, das war ein totaler Flash. Wie ein Rausch, diese Tournee. Wir haben angefangen in Suhl, dann war Leipzig, in der Messehalle, so ein Tränenmeer. Ich hatte nasse Augen, konnte gar nicht weitersingen. Kloß im Hals … Es war so berührend: Endlich sind wir zusammen! Und das war während der ganzen Tour, da waren wir in vielen Städten. Rostock, Dresden ... Riesa – das ist ja in der Nähe, nä?
Ja, zwischen Dresden und Leipzig! Nun kommst du zurück. Warum jetzt?
Wir haben die Tour jetzt drei Jahre gemacht, und dann lagen wir uns in den Armen, und die ganze Panik-Familie war bedröppelt und hat gesagt: Das soll jetzt vorbei sein? Und dann haben wir beschlossen: Nein, wir machen jetzt einfach weiter. Wir haben ja die großen Dinger nur in Leipzig gemacht und Berlin, und kommen jetzt mal nach Erfurt, nach Riesa, nach Chemnitz und nach Schwerin und so.
Da kommen wahrscheinlich auch die Erinnerungen hoch an damals ...
Ja, die kommen hoch, und da treffe ich sicher auch viele Leute wieder, die damals als Teenies bei uns waren. Jetzt sind die bisschen älter, aber bei uns spielt das keine Rolle. Wir sind ja Rock'n'Roller, und die sind zeitlos. Wir kommen jetzt auch mal zu den Leuten, die nicht die weiten Wege machen oder denen die Stadien zu groß waren. Diese Tour durch die kleinen Orte, das bringt uns näher an die Menschen ran. Das wird noch intensiver, persönlicher, privater fast.
Wird’s Überraschungsgäste geben?
Ja, das ist ja bei uns schon eine Tradition: Wir haben eine Riesen-Bar auf der Bühne, mit ganz viel Gurgelstoff. Je nachdem, ob der Ton dann etwas lieblicher kommen soll oder bisschen rauer, wird dann wahlweise mit Eierlikör oder Whisky gegurgelt. Und dann kommen mich sehr viele Leute besuchen. Du weißt ja von der letzten Tour: Clueso kommt und Jan Delay, aber auch Brian Adams und, und, und. Es ist auch so bisschen eine offene Bühne, mit Stars aus der Region. Ma’ gucken, wer alles kommt.
Du hast gerade den Eierlikör erwähnt. Hier in der Gegend gibt’s auch einen Produzenten. Schon mal probiert?
Nee – das ist ja toll! Aber den werd’ ich natürlich antesten, is’ ja klar!
Also vielleicht mal auf dem Weg nach Riesa in Großenhain ranfahren …
Auf die goldenen Zeiten! Wenn die Welt auch sehr trübe aussieht im Moment, müssen wir uns ja nicht runterbringen lassen, sondern umso mehr powern.
Powern, schon wieder ein gutes Stichwort. Du wirst kurz nach dem Konzert 71. Wie bleibst du fit für so eine Show?
Ich mach’ ja sehr viel Sport. Also nachts immer geh’ ich ja joggen: um die Alster rum, an der Spree lang, wo ich eben gerade bin.
Bleibt in Riesa dann auch Zeit dafür?
Während der Tour muss ich ja nicht mehr joggen, da renn’ ich ja auf der Bühne genug rum. Aber vorher: jede Nacht. Manchmal mit Bodyguard, manchmal auch ohne.
Immer gegen Mitternacht.
Genau, Geisterstunde. Ein schneller Schatten … (lacht) Nee, also ich halte mich fit. Auch mit gezielter Wirkstoffeinnahme. Weißte, ich trink’ ja nicht mehr nach der Mengenlehre. Ich will auch fit bleiben und weiter diese tollen Shows machen. Das ist für mich mein Lebenselixier. Das ist für mich das Schönste, das es gibt. Nicht sich zurücklehnen oder an irgendeinen Strand anschrauben. Ich bin gern in Action.
Am Ende ja auch eine Art Rausch.
Ja, genau. Und die Liebe des Publikums trägt einen. Letztes Mal waren ja drei Stunden. Aber du kriegst so viel Energie vom Publikum und hast so viel Adrenalin geladen, dass du da durchfliegst, wie so ’ne Turbo-Nachtigall.
Kannst du nach diesen Riesen-Konzerten überhaupt schlafen? Oder bist du eher aufgedreht?
Danach ist man aufgedreht, und man trifft noch Leute bei der Aftershow oder Freunde, und geht manchmal auch in den Städten spazieren, nachmittags.
Also hat man mit etwas Glück die Chance, dich in Riesa zu sehen?
Kann gut sein, ja.
Bei vielen Musikern geht’s nach dem Konzert gleich in den Tourbus und weg. Ist bei dir also anders?
Das kommt drauf an. In manchen Städten spielen wir zweimal, manchmal ist ein Tag frei. Dann kann es gut sein, dass ich schon einen Tag früher komme und da ein bisschen unterwegs bin. Das machen wir aber spontan, nach Laune.
Sollten sich die Riesaer Bars also eindecken mit Likör und Zigarren?
Ja, wär’ ne gute Idee. (lacht)
Hast du denn irgendwelche besonderen Wünsche in dieser Hinsicht? Jetzt wäre die Gelegenheit!
Nee … oder eben gerade den aus eurer Gegend da. Der Edel-Eierlikör vom eigenen Ei gepellt ist schon genau richtig.
Du hast dich immer sehr deutlich gegen Rechts positioniert. Sachsen hat in der Hinsicht nicht den besten Ruf ...
Ja, ich hab’ entsprechende Songs. Ich sag’ aber nicht: Das sind alles Nazi-Schweine. Sondern ich bin ja bereit, gerne mit allen zu reden – nur nicht mit erklärten Gegnern unseres Grundgesetzes. Es ist wichtig, dass man spricht, das Positive herausfiltert. Das kann auch bereichernd sein.
In einem deiner Lieder beklagst du dich ironisch, dass du immer noch auf die Bühne musst, weil der Branche die Typen fehlen. Würdest du dir mehr Rückgrat von anderen Künstlern wünschen?
Ja, schon. Vor allem von der ganzen Schlager-Abteilung, das hab’ ich ja schon paarmal gesagt. Wer so in der Öffentlichkeit steht, der kann sich schon mal äußern. Dass man in seiner Musik auch mal ein politisches Statement einbezieht, ist nicht unbedingt Pflicht. Aber wär’ mal eine Anregung, auch an jüngere Pop-Musiker. Haste geseh’n, das Böhmermann-Ding? Da ging’s um den Echo und die neuen – sagt er dann – Schlager-Stars. Da hat der mit Schimpansen so ’nen Song gemacht mit Welt und Lachen und schön und so. Und damit hat der ja auch weitgehend recht, das stimmt schon.
Und wenn jemand kommt, der dich würdig vertritt, dann hängst du den Hut an den Nagel?
Nee-nee-nee! Dann geh’ ich zusammen mit dem auf die Bühne! Die Nachtigall muss immer weitersingen, die kann gar nicht aufhören. Bis zum letzten Atemzug, und auf der Bühne zusammenbrechen, in den Armen einer schönen Frau – oder eines schönen Mannes.
Du machst seit Kindesbeinen Musik. Wie hat sich das Business verändert?
Es ist jetzt ein bisschen strategischer. Man spricht sich mit den Plattenfirmen ab: Was ist radiotauglich? Aber Radio ist nicht das einzige Kriterium. Krasse Typen würden sich heute genauso durchsetzen wie vor 30 Jahren. Da wachsen nur weniger nach. ’Nen Vogel wie mich gibt’s auch nur alle paar Hundert Jahre mal. Leute wie Mozart oder Herrmann Hesse gab’s auch selten. Die wussten, die haben eine Art Aufgabe und müssen ein großes Ding machen, richtig radikal, bis zu ihrer letzten Stunde.
Ein Leben für die Musik also. Gibt’s trotzdem etwas, das du heute vermisst oder anders gemacht hättest?
Künstlerische Zweifel hat jeder – hatt’ ich ja auch in den 90ern. Es ist schwer, mit der Zukunft gegen die Vergangenheit anzukommen. Man muss immer noch einen drauflegen. Da lässt du häufig einen rein. Hab’ ich auch gemacht – war ja auch Profi-Schnapsdrossel. Als ich dann so ziemlich fertig war, hab’ ich gedacht: Nee, ich pusch’ mich jetzt weiter nach oben. Und dann gelang uns diese Comeback-Nummer. Und ich bin sehr, sehr dankbar und happy.
Also nie eine Sehnsucht gehabt nach einem „normalen Familiendasein“?
Nee, ich hab das mal angetestet, aber für mich ist das nicht geeignet. Ich bin groß im Starten, aber mit dem Happy End hat das nie richtig hingehauen. Ein Rock'n'Roller, der muss schon flexibel leben können. Und nicht angeschraubt in bürgerlich-konventionelle Lebensformen. Außerdem, ich singe immer nach Marlene Dietrich: Kann etwas so Schönes, nur einer gefallen? Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen!
Das Gespräch führte Stefan Lehmann.
Foto: Tine Acke