Udo Lindenberg eröffnet am Donnerstag seine Ausstellung „Zwischentöne“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Der 73-Jährige singt ein paar Lieder, zeigt seinen witzig-schrillen Bilder-Kosmos – und ein wichtiges Stück deutsch-deutsche Zeitgeschichte. Seit Montag ist er in Leipzig, am Mittwoch kam er zur Pressekonferenz.
Leipzig. In der Mitte ragt das MDR-Hochhaus in den Himmel. Unten spielt eine Band. Wir befinden uns in Leipzig, klar, aber auch im „LOCKER LECKER LAND“. Rechts prostet ein riesiger Mann mit Hut, Sonnenbrille, langem Haar, spillerigen Beinen und Fluppe – rüber zu einer übergroßen, überrunden Frau, die inmitten lustvollen Partygewimmels steht. Im Hintergrund ist ein Messe-M zu erkennen.
In der Nacht zu Mittwoch hat Udo Lindenberg dieses Kritzel-Triptychon für seine Ausstellung „Zwischentöne“ im Museum der bildenden Künste gezeichnet. Es fehlt noch die Farbe, die der Meister mit Hilfe einer patentierten Apparatur, „Ejakulator“ genannt, auf die Tafeln bringen wird. Das ist ein umgebautes Schlagzeug, aus dem bei jedem Schlag Farbe schießt – vier Trommeln, vier Farben. Das fertige Werk, „Euphorion“ ist es betitelt, bleibt als Geschenk im Museum.
Am Donnerstag um 18 Uhr wird die Schau im Untergeschoss eröffnet. Seit Anfang der Woche ist Udo in Leipzig, besuchte Connewitz, das Panometer, das Werk 2. Gestern Nachmittag kam das „Gesamtkunstwerk Udo Lindenberg“ – so nennt ihn die stellvertretende Museumsdirektorin Jeanette Stoschek – kurz zur Pressekonferenz vorbei. Posierte vor dem mit „No Panic“ signierten goldenen Trabi, den Udo 1996 von der Belegschaft des Zwickauer Autowerks geschenkt bekam und der heute in der Tiefgarage des Hotels Atlantic in Hamburg steht, seiner Dauerresidenz. Trommelte für die Fotografen, blies auf der Schalmei, die ihm Erich Honecker 1987 als Gegengeschenk für die berühmte Lederjacke aus dem „Sonderzug nach Pankow“ zusandte.
Museumsdirektor Alfred Weidinger kam erst später dazu, direkt aus dem Krankenhaus. Er hatte eine Lungenembolie, ist aber auf dem Weg der Besserung. Schon am Montag hatte ihn Udo in der Klinik besucht, jetzt liegen sie sich in den Armen. Er sei ein „Flinkefuß, sehr geschmeidig, tief und pragmatisch“, sagt Udo über „Alfred“.
Mit der Ausstellung verneige er sich vor den ersten Montagsdemonstranten in Leipzig: „Wir feiern hier 30 Jahre Freiheit“. Aber: „Blaue Augen gehören auch zur Demokratie“, meint Udo mit Blick auf die Wahlergebnisse in Sachsen. Zur AfD: „Die werden sich mit ihren Sprüchen noch weiter disqualifizieren.“ Nationalismus sei Verrat an der Jugend, deren Probleme nur international gelöst werden könnten. Nein, das alles findet der 73-Jährige, der sich seit Jahrzehnten gegen Rechtsextremismusengagiert, gar nicht witzig. Aber das Leben bleibt ihm trotzdem immer auch ein Fest: „Wo ist der Eierlikör?“, ruft er in den Raum. Udo weiß, was er Fans und Journalisten schuldig ist.
Anlass für die Schau ist der 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution in Leipzig. Sie ist gewissermaßen das unernste Pendant zur gleichzeitig gezeigten Wendekunstausstellung „Point of No Return“, vor allem aber ein Blick in Udo Lindenbergs witzig-wilden, charmant-verspielten Kosmos – und auf ein wichtiges Stück deutsch-deutsche Zeitgeschichte.
Das alte SPD-Credo vom „Wandel durch Annäherung“: Udo lebte es leidenschaftlich. Manisch zog es ihn in die DDR, nach Moskau. Seit 1971 reiste er regelmäßig nach Ostberlin. „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ sang Udo 1973. Ein Sehnsuchtslied. Und das „Mädchen aus Ostberlin“, das gab es wohl mehrfach.
Er habe immer gehofft, sagt er, dass die „scheiß Mauer“ fällt, erzählt er. Und er wollte einfach nur in der DDR auftreten. Nach mehreren Anläufen darf er 1983 bei einer FDJ-Veranstaltung unter dem Motto „Für den Frieden der Welt“ im Palast der Republik singen. Der 21-minütige legendäre Auftritt ist in der Ausstellung komplett im Video zu erleben, flankiert vom ärmellosen T-Shirt mit Tigerfell-Applikation, das er dabei trug, und „hirnamputierten“ (Udo) Stasiprotokollen zu dem Auftritt. Der Protokollierte hat sie vergrößert und bekritzelt. Geschichtsübermalung mit Humor.
Udo verbog sich nicht. Seine live im Fernsehen übertragenen Forderungen nach Abrüstung in West wie Ost führten zur Absage seiner für 1984 geplanten Tournee durch die DDR. Erst 1990 geht dieser Traum in Erfüllung – mit einem unvergessenen Konzert in der Messehalle in Leipzig. Udo und der Osten: Der Besucher kann den unterschiedlichen Etappen dieser sehr persönlichen Beziehung in Dokumentationskorridoren begegnen – mit Fotografien, Albumcovern, Auftrittsplakaten und Liedzitaten.
Zu sehen sind neben rund 200 historischen Fotos aus dem Archiv des Sängers unter anderem auch 50 teils großformatige Gemälde und Aquarelle, selbstverständlich auch seine berühmten patentierten Likörelle. Seit 1995 malt Udo. Bereits 1982 hatte er Joseph Beuys kennengelernt, der ihn – „jeder ist ein Künstler“ – zum Malen ermutigt hatte. Wer hier doppelbödige Rätselkunst sucht, ist falsch. Udo malt geradeaus. Glatzen heißen bei ihm „Pimmelköppe“. Seine Bilder illustrieren seine Haltung – für Frieden, Umweltschutz, gegen Rechts und Militarismus. Ein Hutmensch, ein Gutmensch.
Informationen für Besucher der Eröffnung: Die Ausstellung „Zwischentöne“ von Udo Lindenberg wird am Donnerstag (5.9.) um 18 Uhr im Museum der bildenden Künste (Katharinenstraße 10) in Leipzig eröffnet. Ab 17.30 Uhr wird das Foyer für das Publikum geöffnet. Es ist davon auszugehen, dass die gut 500 Stehplätze innerhalb kürzester Zeit vergeben sind und der Raum maximal gefüllt ist. Udo Lindenberg wird nach den Reden von Oberbürgermeister Burkhard Jung und Museumsdirektor Alfred Weidinger mit kleiner Combo einige Lieder für Leipzig singen. Aufgrund des zu erwartenden großen Interesses wird die Eröffnungsveranstaltung vor dem Haupteingang live auf einer Leinwand übertragen. Nach Abschluss des offiziellen Teils ist bis in die späteren Abendstunden der Zugang zur Ausstellung möglich, doch auch hier ist zumindest am Anfang mit Wartezeiten zu rechnen. Das Museum schließt am Eröffnungstag zur organisatorischen Vorbereitung bereits um 16 Uhr.
Text: Jürgen Kleindienst
Fotos: Tine Acke