22. Oktober 2010 Sprach-Preis für Lindenberg

Quelle
Rheinische Post, 22.10.2010

Morgen erhält Udo Lindenberg den Jacob-Grimm-Preis für seine Verdienste um die deutsche Sprache. Der 64-Jährige gilt als einer der besten Nachkriegslyriker – und befindet sich derzeit im Karriere-Höhenflug.

Udo Lindenberg wacht morgens schon lange nicht mehr mit einem Kater, sondern mit einem Lächeln auf. Und er hat allen Grund dazu. Denn der Panikpräsident ist mit 64 Jahren so erfolgreich wie zu seinen besten Zeiten. Mit dem vor zwei Jahren veröffentlichten Album "Stark wie Zwei" ist ihm das geglückt, was sonst nur Popstars wie Madonna oder David Bowie gelingt – sich neu zu erfinden und doch der Alte zu bleiben. Seither fährt Lindenberg die Ernte ein, selbst die junge Musikszene liegt ihm zu Füßen. Jetzt ehrt ihn die Eberhard-Schöck-Stiftung für seine Verdienste um die deutsche Sprache mit dem Jacob-Grimm-Preis – und stellt Lindenberg damit in eine Reihe mit Vico von Bülow alias Loriot, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Kinderbuchautorin Cornelia Funke.

Es ist bereits der zweite Preis, der Lindenberg für seine Sprachakrobatik verliehen wird. Vor drei Jahren überreichte ihm Kurt Beck die Carl-Zuckmayer-Medaille und adelte den rockigen Reime-Rüttler, dessen Textzeilen (Alles klar auf der Andrea Doria) und Figuren (Johnny Controlletti, Bodo Ballermann, Rudi Ratlos) längst zum allgemeinen Sprachfundus gehören. Wobei zwischen gesprochen und geschrieben unterschieden werden muss. Tatsächlich nuschelt wohl niemand so genialen Quatsch wie Lindenberg, dessen Sprachzentrum anders verdrahtet scheint, so konsequent anders ist seine Phantasiesprache, sein Lindenbergsprech, so verquer und doch auf den Punkt. Erich Honecker nannte er ein "klemmiges Steifftier"; bei ihrer historischen Begegnung 1987 in Wuppertal überreichte er dem SED-Chef eine Gitarre mit den Worten: "Gitarren statt Knarren!"

Auf Lindenbergs Hit "Sonderzug nach Pankow" hört sich das dann etwas ausgefeilter an. "Honey, ich glaub, du bist doch eigentlich auch ganz locker/ ich weiß, tief in dir drin, bist du doch eigentlich auch 'n Rocker/ du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an und schließt dich ein auf'm Klo und hörst West-Radio." Mit der deutschen Sprache spielen, experimentieren, jonglieren, das ist Lindenbergs Ding. Auch wenn der Impuls für seine Texte die Rocker-Rebellion war, die Anti-Haltung, so verortet Lindenberg seine literarischen Einflüsse bei Hermann Hesse, Goethe und Wondratschek. Für den Autor Benjamin von Stuckrad-Barre ist Lindenberg der größte deutsche Nachkriegslyriker. Bei dieser Bandbreite verwundert es nicht, dass ihn das Establishment, gegen das er erst angeschrieben hat, später mit dem Bundesverdienstkreuz und nun mit Sprachpreisen vereinnahmt hat. Lindenberg sieht darin längst keinen Widerspruch mehr: "Und dann packt er sich das Glas, das volle und sagt: Alles unter Kontrolle" (Johnny Controlletti).

Der "Homo panicus" (Kulturwissenschaftler Bazon Brock) trägt zwar immer noch Hut und großformatige Sonnenbrille, fährt aber Porsche und hört bei 300 km/h Schumann, Mozart und Grieg. Zur Inspiration. Privat bleibt wenig Zeit für "Schubidu" und "Tralafitti", da wird bei Kräutertee an neuen Projekten gearbeitet. Früher, vor seinem Herzinfarkt im Jahr 1989, durfte es auch mal eine Flasche Doppelkorn sein. Als "Erkenntnis-Trinker" und "Erleuchtungs-Drogist" bezeichnet sich Lindenberg im Interview mit "Spiegel online". "Die Droge Alkohol funktioniert manchmal als zusätzliche Lampe im Leben", sagt der Musiker, der seit Jahren im Hamburger Hotel Atlantic Kempinski wohnt. Lindenberg sieht auch deshalb keine Widersprüche, weil er den Widerspruch lebt, weil die Rolle des Außenseiters, des radikal anderen Rockers längst größer ist als er selbst: Udo ist eben Udo.

Das erfolgreiche Alterswerk macht es Lindenberg natürlich leichter, sich mit allem zu arrangieren. Seine Lebensgefährtin Tine Acke hat gerade ein Fotobuch veröffentlicht, das heißt wie das Album, "Stark wie Zwei", mit großformatigen Bildern. Lindenberg auf der Bühne, im Hotel, in Cape Canaveral, immer mit Hut. Im Januar hat in Berlin Lindenbergs Musical "Hinterm Horizont" Premiere. Es spielt in der Zeit des Mauerfalls, der 64-Jährige nennt es ein "Panical". Alles drin also. Lindenberg wird wohl weiter mit einem breiten Lächeln in den Tag starten: "Hinterm Horizont geht's weiter/ein neuer Tag/ hinterm Horizont immer weiter/zusammen sind wir stark/das mit uns ging so tief rein / das kann nie zu Ende sein/so was Großes geht nicht einfach so vorbei."

Text: Jörg Isringhaus