Gronau - Peter Dinic und Udo Lindenberg sind ein bisschen wie ein altes Ehepaar: Je älter sie werden, desto mehr ähneln sie sich. Zwar wird sich der Panik-Rocker nicht an den Düsseldorfer erinnern. Dafür weiß Dinic fast alles über den Musiker. Dessen Platten hat er alle.
Und wenn er „alle“ sagt, dann meint er auch „alle“. Nicht nur die normale Version, sondern auch noch die Saturn-Edition und die Platin-Edition. Und auf Vinyl sowieso. Aber eine Stadtführung durch Gronau inklusive Udos Elternhaus, Kindergarten, Volks- und Realschule (einschließlich des Klassenzimmers, in dem er früher fast keine Fehler im Diktat gemacht hat) und des Tanzsaals in der mittlerweile zwei Mal abgebrannten „Concordia“, wo der damals Jugendliche an der Seite von Renate Geyer seine Tangoschritte geübt hat - all das gibt es bei keiner Internet-Versteigerung zu kaufen.
Darum lauscht der Düsseldorfer den Worten von Hanspeter Dickel, Udos einstigem Begleiter im Kindergarten, in der Realschule und in der Musikszene („Udo durfte manchmal bei uns mitspielen“) - wenigstens solange, bis Udo Karriere machte und Dickel eine Ausbildung in der Verwaltung begann.
Dickel packt Fotos von Klein-Udo aus dem Din-A3-Aktenordner. Erster Schultag: „Man erkennt ihn schon als Kind an seiner Schnute“, sagt Dickel. Die Schnute verfolgt Dinic und die anderen Lindenberg-Fans, die nicht nur aus Datteln anreisen, sondern extra aus Leipzig kommen und in der Stadt übernachten, um die Führung nicht zu verpassen. Nachher sollen sie sagen: „einwandfrei“. Und auch der Promi findet die Tour okay, hat eine Spezialtour bekommen. „Er hat sie zertifiziert“, meint Dickel.
Los geht es auf dem Udo-Lindenberg-Platz vor dem RocknPop-Museum. Dickel zerrt einen Bollerwagen hinter sich her, den er extra gestrichen und mit einem Getto-Blaster bestückt hat. Der tönt den Lindenberg-Song „Hoch im Norden“ über das einstige Landesgartenschau-Gelände.
Dickel muss tief in seinen Unterlagen wühlen, um seinen Zuhörern etwas Neues erzählen zu können. Schließlich sind viele von ihnen schon mehr als 20 Jahre Lindenberg-Fans. Aber Dickel hat ganz andere Sorgen: „Ich bin mit dem großen Problem behaftet, eine Auswahl treffen zu müssen“, gesteht er. So viel hat er über den Gronauer Promi zu erzählen und von ihm zu zeigen. Er will ihnen erklären, wie „der kleine Matz zu der Rocklegende und zu dem Gesamtkunstwerk werden konnte“.
Dickel berichtet, dass Mutter Hermine „eine ganz, ganz liebevolle Frau“ war, die es ihrem Sohn erlaubte, im Keller auf Blecheimern sein Talent zu entwickeln. „Udo war ganz schnell richtig gut“, sagt Ex-Bassist Dickel. Aber Lindenberg verdarb seinen Bands auch Chancen auf ein Nachfolge-Engagement etwa bei der Kolpingfamilie, weil er die Zuschauer - noch nuschelnder als nüchtern - aufforderte, sich auszuziehen, weil sie gleich in der Berkel schwimmen gehen würden. „Udo war der anerkannt beste Schlagzeuger“, erzählt Mitmusiker Dickel. „Aber was nützt einem das, wenn er zu spät zum Auftritt kommt?“
Fan Peter Dinic hat selbst schon ein paar Mal Bier mit Udo getrunken. Dabei hat ihm der Musiker mit einem Kugelschreiber ein paar Worte auf den Unterarm gekritzelt: „Keine Panik, alles Klar, Udo L.“ Der Musiker hat wohl nicht geahnt, dass sich Peter Dinic das Geschreibsel eintätowieren ließ. „Kuli geht ja weg“, erklärt er den staunenden Mitfans und krempelt sich den schwarzen Ärmel wieder über seine Arme.
Thilo und Grit Weber aus Leipzig haben solche Tattoos nicht, nehmen aber trotzdem viel in Kauf, um Udos Leben zu erleben. Sie mögen an der Rocklegende „das Ehrliche, dass das alles aus dem Leben gegriffen ist, was er singt“. Sie meinen damit: Herm, der laut Udo-Song „Fernweh“ als Steward auf der „Queen Elizabeth“ fuhr, ist nicht erfunden. Er kam aus Gronau. Dickel hat ein Foto von ihm parat.
Weitere Termine:
13. September und 11. Oktober 2009
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Text & Fotos: Stefan Werding