Udo Lindenberg in der Köln-Arena
Als Helge Schneider sich irgendwann zunehmend darauf verlegte, Udo Lindenberg zu parodieren, war das nicht eben sein lustigster Einfall. Schließlich war es doch gerade die Verweigerung klassischer Komödianten-Routinen wie der Parodie, die man an Schneider so liebte. Aber Helge Schneider kann es sich als Ikone der Unvorhersehbarkeit wohl leisten, nebenbei auch noch der beste Lindenberg-Imitator eines an Lindenberg-Imitatoren reichen Landes zu sein.
Der Hauptunterschied zwischen dem Kauz Schneider und dem Kauz Lindenberg – die schon zusammen musizierten und auch sonst viel gemeinsam haben – ist ja der Umstand, dass die Figur Schneiders bis heute von ihrer Unvorhersehbarkeit lebt. Lindenberg dagegen lebt von seiner Vorhersehbarkeit und schreibt gerne immer wieder denselben Song: den als sprücheklopfenden Schlager verkleideten Blues des einsamen Wolfs, der gerne mal gepflegt die Melancholie-Karre schiebt. Aber so ist das eben oft, wenn man in jungen Jahren die gesamte Prallheit seiner Persönlichkeit in seine Kunst hineingewuchtet hat: Wer sich immer nur treu bleibt, ist mitunter einfach nur stehengeblieben, und manches Original entpuppt sich beim Hinaustreten aus der großen Kneipe des Lebens bei Tageslicht doch nur als Selbstkarikatur.
Doch selbst wenn man geneigt ist, in Lindenberg nur noch die alberne Figur zu sehen, muss man sich immer wieder vor Augen führen, in welche verernstete kulturelle Ödnis er in den Siebzigern sein erstes „Hallöchen“ hineinnuschelte. Dass vielen – von der „Bild“-Zeitung bis hin zu Hamburger Szene-Musikern – Lindenbergs Lebensleistung bewusst ist, zeigt das beispiellose Medienecho, das seine jüngste Album-Veröffentlichung nach vielen Jahren (zugleich sein erstes Nummer-1-Album) begleitete.
Das erste „Hallöchen“, das er am Samstagabend ins Rund der tobenden Kölnarena flötet, ist aus einem Astronautenanzug zu vernehmen, in dem Lindenberg, 62, auf die Bühne herabgelassen wird. Noch während des ersten Songs, „Woddy Woddy Wodka“, der einen Vollsuff zum „Major Tom“-Blindflug stilisiert, entsteigt er der Verkleidung. Bodyguard Eddy Kante bringt ihm noch die Schuhe auf die Bühne, und dann geht’s los. Das ergraute Panikorchester, Lindenbergs legendäre Stammband, spielt extrem bauchig auf, während der Chef selbst das Mikrofonkabel wie ein Lasso kreisen lässt und über die Bühne eiert, als hätten sich Adriano Celentano und Pippi Langstrumpf zum Tanzen verabredet. Dass er dabei mit Hut, Matte, Riesenbrille, Röhrenhose und Schmalhans-Jäckchen aussieht wie der Anti-Lagerfeld des Deutschrock, müsste zusätzlich verwirren. Das Ergebnis läuft aber ganz klar auf die Kunstfigur Udo Lindenberg hinaus.
Der Saal steht kopf. Tatsächlich muss man den Mann wohl einmal live vor vollem Haus erlebt haben. Hier, als Regent seiner ergebenen Fans, verliert er ein wenig von der peinlichen Type, als die er manchmal bei seinen Fernsehauftritten erscheint, und es wird klar, was man an ihm hat: das tatsächlich einzige Original der deutschen Rockmusik. Nach drei Songs spricht er erst einmal ausgiebig zum „Clan der Lindianer“, und damit meint er nicht nur die übers Rund verteilten Udo-Doubles, sondern sein gesamtes rüstiges Publikum: diese Armee von Einzelgängern, für die er stellvertretend den angepassten Unangepassten gibt. Lang, breit und ein bisschen zu routiniert erzählt Lindenberg davon, wie er damals aus dem Gebüsch von „Gronau an der Donau“ ans Tageslicht gekrabbelt kam und von der „Gründung des Panikorchesters im Jahr 1817“. Dann kommt auch schon der nächste Song, und er tänzelt wieder fidel sein Udo-Tänzchen und schwingt das Mikrofonkabel. Am besten – das wird an diesem Abend deutlich klar – ist Lindenberg, wenn er seine Ich-bin-wie-ich-bin-Postulate über die eigene Hutschnur zu allgemeingültigen Hymnen stolzer Unbeugsamkeit transzendiert – wie im neuen Song „Mein Ding“.
Natürlich landet Lindenberg an diesem Abend mal wieder viel zu oft beim Schlager. Auch gibt es viel zu viele mürbe Balladen, in denen die Distanzbeziehung gefeiert wird, viel zu viel Fertigkeits-Folklore, viel zu viel Schweinerock und viel zu viele penetrant herumsoulende Background-Sängerinnen in Lederhosen. Doch solange vorne am Bühnenrand auch Minderjährige Lindenberg-Songs aus den siebziger und achtziger Jahren mitsingen, muss man sich keine Sorgen um ihn machen. Als er im Zugabenblock erst vom Mädchen aus Ost-Berlin und dann „Sonderzug nach Pankow“ singt, ist man kurz geneigt zu denken, er allein habe nur mit diesen Liedern die Mauer zum Einsturz gebracht – dabei waren das doch die Scorpions mit „Wind Of Change“.
Am Ende steht die Gewissheit, dass Lindenberg seinen Nachahmern – wie etwa dem singenden Vernunftsmenschen Herbert Grönemeyer, aber auch jüngeren Nachkommen – auf ewig um etliche Nasenlängen voraus sein wird, gerade weil er keine Angst vor Klischees hat. Und noch etwas ist heute klargeworden: Helge Schneider ist eben doch nur Deutschlands zweitbester Lindenberg-Parodist.
Text: Eric Pfeil