Timmendorfer Strand - 3000 Premieren-Besucher in Timmendorfer Strand können nicht irren: Udo Lindenbergs neues Programm ist eines der besten, das der 62-Jährige je auf die Bühne gebracht hat.
Streng genommen waren es vollwertige Konzerte, gestern und vorgestern Abend im Saal des Timmendorfer Maritims. Nur offiziell hießen sie Generalproben – und so richtig Konzert-Atmosphäre wollte unter den jeweils 1500 Besuchern auch nicht aufkommen. Das könnte man nun negativ werten, sollte man aber nicht: Udo Lindenberg in Timmendorfer Strand – das hat nicht zum ersten Mal eher etwas von einem überdimensionierten Familientreffen – vertraut, intim und etwas chaotisch.
Wie kein anderer kommuniziert der mittlerweile 62-Jährige mit seinem Publikum – er plaudert, nuschelt, überdreht. Manchmal wirr, manchmal ironisch. Das sind keine einstudierten Textchen. Das ist Udo! So lieben ihn seine Fans seit Jahrzehnten. Er sagt, was er denkt. Beherrscht eine seiner Background-Sängerinnen ihren Text nicht, raunt er eine Entschuldigung ins Mikrofon: „Sie ist erst heute Morgen aus Lecker-Amsterdam zu uns gestoßen.“ Das Bühnen-Jackett reißt: „Das ist wohl mit heißer Nadel gestrickt worden – gestern Nacht in Scharbeutz.“ Auch die Masse scheut Zwischenrufe nicht: Als Lindenberg in einer Liedpause zum Wodka-Glas greift, tönt es aus dem Publikum „Trink Whiskey!“ – „Später, später. Der Abend fängt ja erst an“, kommt es von oben zurück.
Auf der Bühne hält er sich allerdings überwiegend mit „Red Bull“ bei Laune. Tatsächlich spielt Alkohol aber eine gewichtige Rolle im Programm der „Stark wie zwei“-Tour, die am Montag offiziell in Rostock startet. Im Nasa-Raumanzug wankt Lindenberg zum Auftakt auf die Bühne, besingt „Woody Woody Wodka“, einen Astronauten, der den hochprozentigen Tod stirbt. Später folgt mit „Lady Whisky“ ein Stück aus dem Jahr 1978, in dem er seine eigenen Alkoholprobleme verarbeitet hat.
Geschickt verbindet der Panik-Rocker seine musikalische Gegenwart mit der Vergangenheit. Ein stures Durchhecheln seiner neuen CD gibt es nicht: Natürlich ist seine Top-Ten-Single „Wenn du durchhängst“ mit dabei. Allerdings auch viele, teils aus seinen Gründerjahren stammende Kompositionen: „Cello“, „Daumen im Wind“, „Bis ans Ende der Welt“. Ein Klassiker, der nicht fehlen darf ist seine „Honky Tonky Show“. Wie vertraut Udo und seine Familie, das „Panik-Orchester“ sind, wie sehr sie teils seit Jahrzehnten auf einer Wellenlänge spielen, wird allerspätestens bei diesem Stück spürbar. Auf der Bühne wird gejamt, vor der Bühne wiegen und wogen die Fans. Lindenberg schleicht mit den Fingern schnippend über das Parkett, lässt das Mikrofon am Kabel kreisen. Doch Udo rockt nicht nur: Er kann auch leise – wie „Ganz anders“, „Erste Liebe“ und „Hinter’m Horizont“ bewiesen. Das Publikum will (und bekommt) Zugaben – ein wiederum untrügliches Zeichen, dass es doch Konzerte waren und keine Familienfeiern.
Foto: Tine Acke