Eine fulminante Show mit perfekt inszenierten Ausschnitten aus seinem Lebenswerk genügt Udo Lindenberg nicht. In fast drei Stunden muss er in Stuttgart auch seine Polit-Botschaften verkünden.
Stuttgart. Jörn G. aus Gronau schwankt zwischen kompletter Verwunderung und totaler Bewunderung, wenn er an Udo Lindenberg denkt. Bei den Pfadfindern "Spartaner" haben Jörn und Udo fast jeden Tag eine gute Tat vollbracht. In die Gronauer Schulzeit fällt ein Erlebnis, das Lindenberg zu einem seiner größten Hits verhalf. Jule mit den langen dunklen Haaren spielte geradezu göttlich Cello. Für den Realschüler Udo war die Schönheit aus dem Siemens-Gymnasium unerreichbar.
Mit 13 wurde der Trommler zum besten Schlagzeuger gekürt. "Da hat er abgehoben, seither stand er nie wieder mit den Füßen auf dem Teppich", erzählt Jörn. Logisch also, dass Udo Lindenberg auf der "Ich mach mein Ding"-Tournee in die Stuttgarter Schleyerhalle mit einem Luftschiff schwebte. Was er den 12 000 Fans in zwei Stunden und 45 Minuten mit 27 Songs bot, geriet zu einem Ereignis der Extraklasse.
Der Alt-Rocker agierte so bewundernswert vital, als wolle er sein "Der Greis ist heiß" rechtfertigen. "Ältere Typen werden oft von jüngeren Pinschern angepisst", heißt es da. In den fast drei Stunden gönnte er sich und dem völlig begeisterten Publikum keine Pause. Lindenberg, bald 66 Jahre jung, schien auf einer Kampagne für die Verlängerung der Lebensarbeitszeit unterwegs zu sein, hat er doch in Stuttgart durchaus glaubhaft versichert: "Wir kommen ganz bald wieder - ist ja klar."
Prägnante Kapitel aus den fast 40 Jahren seines Lebenswerks entfalteten eine Generationen überbrückende Faszination: Unten die Fans vom Grundschulkind bis zum Großvater, oben der umjubelte Star mit seinen Langzeit-Musikanten und der jüngsten Verstärkung durch "Stage Kids". Eine optimale Mischung als Erlebnis für die ganze Familie. Da konnte der Vater mit glänzenden Augen berichten, dass Udo schon 1974 in der Liederhalle - "die Karte kostete zehn Mark" - supergut gut drauf war, aber heute "besser denn je" ist. Er schlenderte eleganter als damals, er schlenkerte das Mikrofon noch lässiger. Altersunabhängig macht er sein Ding, "ganz egal, was die andern sagen".
Lindenberg hat mit seinem Lindianisch eine neue Sprachgattung etabliert. Er war mit seinem Spezialdeutsch, das sich so wohltuend unterscheidet vom Offizialvokabular à la Duden, der Wegbereiter für alle jene Musiker, die sich vom Pflichtenglisch der Szene losgesungen haben. Der Missionar der Selbstverwirklichung ("Ergreif dir das Leben mit beiden Händen") ist sich auch als Großmeister des Klartextes treu geblieben. Für ihn haben "die braune Flut" und "die Nazischweine" keinen Platz in der "bunten Republik Deutschland". Er rief Stuttgart zur "nazifreien Stadt" aus, was Noch-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster im VIP-Bereich hörte. Lindenberg schimpfte Präsident Assad einen "Schlächter", werden in Syrien doch "Menschen, Frauen, Kinder abgeknallt", ohne das die UNO eingreife. Lindenberg schreckte auch nicht davor zurück, einen Freund seines Kumpels Gerhard Schröder in die Schublade "Persona non grata" zu stecken: "Putin, dieser Ganove, bringt mich auf die Palme."
Diese Form des Agitprops bleibt umso besser haften, als sie eingebettet ist in ein unvergessliches Spektakulum mit blutsaugendem Vampir und grazilen Akrobatinnen. Was Lindenberg als cool, locker, easy ausgibt, wenn er seinen "Obergeilomat" anwirft, ist in der Mannheimer Popakademie akribisch eingeübt worden. Der Mann mit dem scheinbar festgetackerten Hut kann sich auf eine perfekte Technik verlassen, ebenso auf gesangliche Unterstützung vom Feinsten. In Stuttgart standen ihm Nathalie Dorra ("das Marzipanmädchen aus Lübeck") und die Berlinerin Josephin Busch, Hauptdarstellerin des Musicals "Hinterm Horizont" sowie Ole Feddersen ("The voice of Germany") kongenial zur Seite. Ein vieltausendstimmiger Backgroundchor erklang dank der Textsicherheit der Fans. Geradezu beglückt gingen sie nach Hause.
Selbst dauernörgelnde Söhne rangen sich eine Anerkennung ab: "War sehr in Ordnung."
Text: HANS GEORG FRANK