11. September 2008 Udo Lindenberg: "Das Lindenwerk"

Der Sänger zeichnet, der Maler singt

Von Tino Lange

Da sitzt er, der Udo, im Hotel Atlantic (wo sonst), in der Hand einen Eierlikör (was sonst) und brummelt leise unter seine Hutkrempe: "Das knistert, Mann. Wie das knistert." Vor ihm liegt ein Monstrum von einem Buch, 30 x24 Zentimeter, 300 Seiten: das "Lindenwerk", die auf 3000 Exemplare limitierte, handsignierte und ergänzte Neuausgabe des 2005er-Bildbandes - Udo Lindenberg "in Panikcolor", eine Werkschau über mehr als 13 Jahre "Lindiismus", wie er seinen unverwechselbaren Stil nennt, "aber ich mag keine Schubladen, Dadaismus, Kubismus, Nixmus".

Begonnen hatte alles mit dem Rock 'n' Roll - natürlich. Auf Autogrammkarten strichelte er hastig Selbstporträts, "Udogramme" mit Hut, wie es auch den Einband des Lindenwerks ziert. Bei den Aufnahmen zum Album "Kosmos" Mitte der 90er dann die Initialzündung: 12 Bilder, eins zu jedem Song, der "Kosmos-Kalender". Von da an kann er die Farbe nicht mehr halten. Malt in seiner Suite, im Atelier, im Studio, hier, da, überall, im Weltall noch nicht, aber vielleicht später. "Aufm Parabelflug? Gute Idee. Wir müssen sowieso mal abheben, loslösen von allem, was uns so runterzieht." Aber vorher muss der "Astronaut", eines seiner vielen Alter Egos, weiter. Mit Pinsel, dickem Filzstift und natürlich mit einer ganzen Batterie Likörbuddeln. Die "Likörelle" sind nur einer seiner vielen gemalten Besonderheiten, passen aber perfekt zu Udo. Gemalt wird mit Blue Curaçao, Grenadine, Escorial Grün, Eierlikör und anderen Leckereien.

"Finger rein, Serviette drüber, wischwasch, noch ein Schluck. Gluck." Sogar mit klarem "Woddy Woddy Wodka" geht das. Nur der Versuchung, die Likörelle abzuschlecken, widersteht er mittlerweile: "Ein Alchimist zeigt mir, wie ich die Farbe haltbar mache, damit sie nicht verblasst." Noch ein Trick: Der "Ejakulator", ein Schlagzeug, welches elektronisch gesteuert Farbe verspritzt, Rhythmus in Strukturen verwandelt. Rock und Kunst. Und viel mehr.

Erotische Comics, ein "Faust-Zyklus", verstörend-dumpfe "Nazi-Pimmelköppe", die Zehn Gebote, Politik und Geschichte in Form von Bildern ("Wer zu spät rockt ... Honey", "Checkpoint", "Das Merkel ich mir") und Dokumenten wie Udos mit Porträts kommentierte Auszüge aus seiner Stasi-Akte. Dazu: ausgewählte Texte von Udo und Leuten, die sich auskennen. Das Glas ist leer. Udo malt wieder - an der Setliste für die kommende Tour. "Der Sänger zeichnet, der Maler singt." Alles easy.

Udo Lindenberg: Das Lindenwerk. Limitierte Neuausgabe 2008, 305 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 49,90 Euro

Quelle: Hamburger Abendblatt, 10. September 2008