11. Mai 2005 Udo Lindenberg erhält Friedens- und Kulturpreis

Der deutsche Rocksänger Udo Lindenberg hielt am Dienstag im Rathaus von Bremen die Urkunde des Villa-Ichon-Preises in der Hand.

Der mit 5. 000 Euro dotierte Friedens- und Kulturpreis wurde im Rahmen der Veranstaltung "Jugend Macht Europa 2005" übergeben. Lindenberg stiftete das Preisgeld sofort zur Unterstützung der Bremer Gruppen gegen Rechts. Die Auszeichnung geht damit an einen Künstler, der bis heute gegen die alten und neuen Nazis kämpft. Der Preis wird seit 1983 vom Verein der Freunde und Förderer der Villa Ichon verliehen.

Quelle: dpa (11.05.2005)

Udo Lindenbergs "Brief an die Nazis" von 2001:

Vorweg: Klartext. Mit Leuten, die leugnen oder es sogar richtig fanden, daß sechs Millionen Juden ermordet wurden, die alle Ausländer für "Untermenschen" halten und sich selber für eine sogenannte "Herrenrasse", rede ich nicht. Und diese Unbelehrbaren brauchen nichts weiter als die volle Härte unseres Rechtsstaates.

Nein, ich möchte mit denen sprechen, die hinterher sagen: Das habe ich nicht gewollt. Das habe ich nicht gewusst. Wie meine Eltern oder meine/Eure Großeltern, die so Mitläufer waren und wahrscheinlich froh gewesen wären, wenn einer mal vernünftig mit ihnen gesprochen hätte.

Ich war noch ein Baby in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, 1946. Bin der Sohn eines Mannes, der goldene, zentrale Jahre seines Lebens für den Schwachsinn, die humanistische Bankrotterklärung der NSDAP und die verabscheuungswürdigen Verbrechen des Krieges weggeschmissen hat. Ich bin der Sohn einer Mutter, die von "nichts gewusst hat", ahnungslos zwischen Babygeschrei, neuen Autobahnen und "Kraft durch Freude". Da komme ich her, 'ne Kleinstadt (Gronau) mit damals null Durchblick - oder wollte man es auch gar nicht so genau wissen? Dummheit, Feigheit, geblendet sein, nicht hinter die braunen Kulissen gucken?

Aber jetzt, 2001 - die Welt muss doch anders aussehen, und wir können uns doch informieren. Wisst Ihr, ich sehe es einfach nicht mehr ein, dieses Blut-und-Boden-Gepöbel, diese dumpf-dusselige selbstbewichserische Inanspruchnahme der Gewalt gegen jeden, der nicht so aussieht wie Ihr, gegen jeden, der nicht in Euer uraltes, abgefucktes Deutschland-Bild passt, in Euren grausam engen Horizont vom bierflutenden Stammtisch bis zum nächsten Baseballschläger-Schnitzer.

Ich hab die Schnauze nun endlich voll davon, und zwar in erster Linie als Privatmensch, der aus Gronau in die weite Welt auszog, die vielfältige Freundschaft und die knallebunte Action zu lernen und zu lehren - und da bin ich nicht allein mit Plan und Gefühl. Zigmillionen Menschen sehen das genauso.

Wir leben gern in Deutschland und haben unsere Vision von einem Land der Toleranz und Weltoffenheit und viel farbenfohe Musik und Spaß, Party und natürlich: multi-ethnisch. Und auch: Ohne die Computerexperten aus Indien und die High-Tech-Partner aus den USA - oder woher auch immer - und die weltweiten Businessinvestoren kommen wir auf Dauer sowieso nicht klar. Da können wir den Laden nämlich gleich zumachen. Das weiß doch jedes Kind. Wenn es aber so weitergeht, kommen die ausländischen Cracks erst gar nicht mehr zu uns, sie sagen, da ist man ja seines Lebens nicht sicher. So schadet Ihr dem Ansehen unseres Landes in der Welt, und Ihr schadet unserem wirtschaftlichen Wohlstand, und an dem wollen wir doch gemeinsam arbeiten.

Ey, wir müssen doch inzwischen gelernt haben, nach den grausamen Kriegen der Vergangenheit, nach systematischem Völkermord an Juden, Sinti, Roma, Frevel an wehrlosen Kindern und Behinderten. Nach den Erschießungen, nach den Leichenbergen und Massengräbern in Auschwitz, Dachau und Treblinka: Die Schreie waren laut, und das Gas war leise. Wir müssen doch endlich gelernt haben. Die Würde eines jeden Menschen ist höchstes Gebot. Und die Bunte Republik Deutschland ist unser aller Zukunft.

Ich bin ein Freund derer, die durch mutiges, sensibles und menschenachtendes Denken zu Feinden, Verfolgten und Todesopfern eines (Nazi-)Regimes wurden, in dem nur eines zählte: Jeder, der anders ist, wird umgebracht oder wird sich der Diktatur unterwerfen oder mindestens: Raus aus dem Nazi-Haus ins Exil. Die Künstler, die Dichter und die Denker, was hatten wir für eine große Kultur in unserer 1. Republik, vor 1933! Dann wurden die Richter und Henker zu Niederstreckern des freien Geistes, und es regierte nicht mehr das Recht auf die eigene Meinung. Die Angst wurde das Gesetz und nicht mehr das weite Atmen der individuellen Persönlichkeit. Ich denke an Bertolt Brecht, Marlene Dietrich, Kurt Tucholsky, Kurt Weill, Thomas Mann, Billy Wilder, Albert Einstein (schon mal gehört diese Namen?) und sooooo viele andere. Wurde alles beendet, Bücher wurden verbrannt, Kunst wurde einfach ausge-x-t, nur noch Marsch im Gleichschritt. Wie langweilig und ohne quirlige Fantasie.

Ach nee, wenn ich an all das denke: Auf deutschem Boden will ich keine Wiedergeburt der braunen Zombies sehen, nicht mehr EINEN Ferngesteuerten aus der stinkenden, braunen Kloake des Gestern, nicht mehr EINEN Verräter an den Menschenrechten, nicht mehr EINEN hirntoten rechtsextremen Terroristen.

Millionen ermordete Juden, Russen, Polen - unbeschreibliches Leid in ganz Europa - das reicht doch, oder? Die Hölle Holocaust.

Fühlst Du nicht mit, wenn Du hörst, wie verzweifelt die Mutter im KZ war, als ihr das Kind aus den Armen gerissen wurde, ein letzter Blick und dann ab in den Tod? Was der Vater im Warschauer Ghetto fühlte, wenn sein Sohn vor seinen Augen gefoltert und geschlagen wurde? Versucht doch mal, den Hunger der Belagerten von Leningrad zu spüren, vollzieht doch mal nach: die Verarsche, die Erfrierenden, hoffnungslos dem Verderben ausgeliefert, die Soldaten von Stalingrad. Seht in die weinenden Kinderaugen: ihr afrikanischer Daddy, totgeprügelt von besoffenen Idioten in Dessau, mitten in Deutschland.

Wenn Ihr all das seht und Euch reintut, dann könnt Ihr doch wohl umdenken und Mitglieder werden, Mitglieder einer korrekten Menschenfamilie, das wäre doch der Weg, der Weg der wirklichen Größe.

Aber wenn Ihr trotz allem so verbohrt und bescheuert seid, ganz ohne Gefühl und ohne einen Funken Verneigung vor jedem Leben - denn jedes Leben ist wertvoll und auch irgendwie heilig. Denk mal: Jedes Kind kommt mit bestem Willen zur Welt und wird oft später dann einfach nur verbogen durch schlechte Information, wenig Bildung, oftmals ignorante Kirche, die die anderen Religionen diffamiert, zurückhaltende, wahlkampfbetonte Offizialpolitik, regionale Weichei-Politik (wie so manche Bürgermeister in sogenannten "National Befreiten Zonen"), schlaffe Justiz, wegschauendes Volk und zum Teil das Unrecht duldende Polizei.

Wenn Ihr also all das nicht sehen wollt, wenn Ihr jetzt immer noch sagt: Wir bleiben Nazis, dann gebührt Euch unsere tiefste Verachtung, und Ihr habt kein Recht, auch nur einen Hauch Eures Unwesens weiterzutreiben. In Deutschland erheben sich Zigmillionen Leute und ziehen Euch Euren dreckig-braunen Teppich unter den Springerstiefeln weg. Dann machen wir Euch weg. Dafür stehe ich. Dafür stehen WIR!

Wir warten auf ein Zeichen, wir sind offen. Für jeden, der aussteigen will, gibt's auch Schutz und Hilfe. Zum Beispiel die stern-Aktion EXIT. Schluss mit dem ganzen Nazi-Scheiß! Und auch keine Demos mehr, keine gröhlenden Rassismus-Marschierer mehr durchs Brandenburger Tor, keine Demo-Genehmigung mehr, NPD-Verbot. Ja, ja, ich weiß, da muss einiges besser werden in der Sozialpolitik, klar. Das können wir aber als Musiker nicht machen, da müssen faire Politiker ran, Experten, die da durchblicken. Wählt sie demokratisch. Auf der Basis unserer Verfassung. Macht ordentlich Druck mit Argumenten, aber nicht mit Brandsätzen. Rächt Euch nicht für mögliche Politikfehler an wehrlosen Familien, Frauen und Kindern. Die Welt wird international, sowieso, das ist ein Prozess, der dauert ein bisschen. Geduld, bisschen Atem und Respekt vor dem besseren morgigen Tag.

Werdet doch vernünftige Deutsche, endlich jetzt im Jahr 2001! Nicht aus dem verdammten Gestern, mit dem üblen Geruch der Verwesung an Euren Kampfjacken, sondern mit dem frischen Wind in den Haaren auf eine BUNTE REPUBLIK DEUTSCHLAND zu.

Udo Lindenberg und Freunde

Auszüge aus der Rede von Dr. Helmut Hafner (Panik-Brother, guter Geist im Bremer Rathaus, Kulturattachee, Nacht der Jugend, Antifa-Gruppen-Bremen) am 10.05.2005:


Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste aus Hamburg, lieber Udo,

wir freuen uns sehr, dich heute hier in diesem schönen alten Saal mit dem Friedens- und Kulturpreis der Villa Ichon ehren zu dürfen.

Wir ehren mit dir einen Menschen, der mit seiner Kunst und seinen Talenten sich einsetzt für ein menschliches Miteinander, für Frieden und Gerechtigkeit, für Anerkennung und Respekt, und der bis heute, und in den letzten Jahren verstärkt, gegen die alten und neuen Nazis kämpft.

Seit mehr als 30 Jahren steht Udo Lindenberg auf der Bühne, und von Anfang an sind seine Lieder von politischer und sozialer Kraft. Wie macht er das? Udo erzählt Geschichten aus dem ganz normalen Leben und wir können uns in diesen Geschichten selbst erkennen. Und er weiß von den Gefährdungen. So heißt es in einem frühen Song, ich kürze:

»Es gibts nichts zu tun in der toten Stadt,
Leere Fabriken, wo keiner Arbeit hat.
Er hängt den ganzen Tag rum, gehört nirgendwo hin.
Eins ist ihm klar: Alles läuft ohne ihn.
Da will er wenigstens Fan sein vom Fußballverein,
wenigstens stolz darauf, ein Deutscher zu sein.
Und gegen Ausländer sein, ist auch schon mal was.
Endlich weiß er, wohin mit all seinem Haß.

Vom Opfer zum Täter ist's 'n kleiner Schritt.
Noch gestern ein Nichts und heut' marschierst Du mit.
Bist 'n armes Kind - bist 'n dummes Kind.
Jetzt stolperst Du mit im braunen Wind.“

Aber es sind nicht nur die politischen Texte, die politisch sind. Auch und gerade die Liebeslieder haben menschenfreundliche Kraft. Wer so liebt, wie Udo es besingt, der tötet keine Menschen, nur weil sie anders sind.

Udo, deine Botschaften sind konkret und kritisch, mutmachend und aufbauend, Grenzen setzend und überschreitend, aber immer respektvoll, anerkennend und wertschätzend. Dafür danken wir dir.
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Udo ist ein Mensch, der stark fühlt, der bei anderen Gefühle erzeugt, mit ihnen spielt, sie trotzdem ernst nimmt, der vor allem aber den Gefühlen eine Richtung gibt, eine Richtung hin zur Menschlichkeit.
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Menschenfreundliche Gefühle wie der Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft, nach Abschaffung von Hunger und Ausbeutung, die Sehnsucht nach einer brüderlichen Gesellschaft, der Traum von selbstbewussten und freien Menschen, sie sind die Alternative zur Menschenfeindlichkeit. Und sie sind das Anliegen von Udos Liedern und seiner Musik.

Wir leben in panischen Zeiten, in Zeiten des Umbruchs und schwindenden Wohlstands, die bei vielen Ängste auslösen. Und gerade deshalb brauchen wir Haltungen und Visionen, die im guten Sinn die Gefühle der Menschen ansprechen und sie damit für die gute Sache gewinnen. Dafür ist Udos Kunst unverzichtbar.

Udo Lindenberg verkörpert eine Kultur, die sich einmischt, die nicht gleichgültig ist, die verändern will.
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Das Anderssein ist für Udo Lindenberg eine zentrale Erfahrung und ein entscheidender Wert.
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Der triumphale Satz: Alle Menschen sind gleich! ist falsch, wörtlich genommen ist er eine Irreführung. Der erste Grundsatz der Gesellschaft müßte heißen: Alle Menschen sind ungleich! Es ist ihr Grundrecht, ungleich zu sein. In ihrer Ungleichheit, ihrer Verschiedenheit liegt eine Hoffnung der Menschheit. Udo singt diese Wahrheit in fast allen seinen Liedern.

Lieber Udo, Bremen verdankt seinen weltweiten Ruf vor allem vier Persönlichkeiten, die dir nahe stehen. Sie lassen dich herzlich grüßen und beglückwünschen dich. Es sind die Bremer Stadtmusikanten.

Du kennst die Geschichte: Der Esel wurde ausgemustert, weil seine Kräfte nachließen. Sein Herr hatte Böses mit ihm im Sinn, und der Esel machte sich auf den Weg nach Bremen, um hier Stadtmusikant zu werden. Unterwegs traf er den Jagdhund, der gleichfalls wegen seines Alters in Ungnade gefallen war. Er wusste: nur durch Flucht konnte er sein Leben retten. Der Esel überzeugte ihn von seiner Idee, ein Panik-Orchester zu gründen, und die beiden zogen zusammen weiter. Dann trafen sie die Katze, deren Zähne stumpf geworden waren und die deshalb ersäuft werden sollte. Natürlich verliebte diese sich sofort in den Hund und kam auch mit. Dann stießen die drei noch auf den Hahn, der für die Suppe gedacht war. Zu ihm sprach der Esel den berühmten Satz: Komm mit. „Wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Diese vier komponierten und musizierten zusammen. Und mit ihrer Dröhnland-Symphonie waren sie so erfolgreich, dass sie alle Räuber, alle jungen und alten Nazis, die das Land ausplünderten und die Menschenherzen vergifteten, verjagten und für immer vertrieben.

Diese vier, die abgeschrieben waren, für wertlos erklärt, sie haben durch ihren Mut, ihren Widerstand und ihr musikalisches Talent ein wunderbares Beispiel dafür gegeben, dass jedes Lebewesen eine Würde besitzt, wichtig ist und gebraucht wird.

Lieber Udo, wir wissen, dass du ganz im Sinn der Stadtmusikanten wirkst. Und deshalb bitten wir dich von Herzen, unser fünfter Bremer Stadtmusikant zu werden.

Nochmals herzlichen Glückwunsch und Danke für Dein Kommen.