26. März 2015 Udo Lindenberg fährt mit "Sonderzug nach Pankow"

Quelle
rbb

Zigarrenrauch, Eierlikör und das Mensch gewordene Dubdidu

Vor 32 Jahren sang Udo Lindenberg über den "Sonderzug nach Pankow". Jetzt ist er Wirklichkeit geworden. Für Hörerinnen und Hörer von radioBerlin 88,8 gab die deutsche Rock-Legende am Mittwoch ein Konzert in der Berliner U2 - und zeigte dabei, dass bei ihm selbst verunglückte Rockstargesten vor allem eines untermauern: seine unangefochtene Coolness.

Man sieht Udo Lindenberg noch nicht, da riecht man schon, dass er nicht weit sein kann: Sein Zigarrenrauch weht den Bahnsteig am Olympiastadion herunter. Und dann ist "Udo", wie ihn hier alle nennen, auf einmal da. Tiefenentspannt schlappt er zwischen Zug und Fans entlang. Schwarzer Hut, schwarze Sonnenbrille, schwarzes Hemd, die graue Krawatte schon gelockert. Dann übernimmt Lindenberg das Mikrofon und fängt an zu plaudern, während die anderen Fahrgäste in den Zug steigen. Er singt sein berühmtes Lindenberg-Dubdidu auf die fast genauso berühmte Melodie von "Der Pate" und pafft dazu seine Zigarre. In der U-Bahn rauchen - das darf nur Udo. "Nein, Helmut Schmidt kommt gleich auch noch", sagt Lindenberg - und für den müsse er den Zug schon mal vorbereiten.

Stimmt natürlich nicht, aber was genau an Lindenbergs Plaudereien stimmt, war im Grunde noch nie das Entscheidende. Charmant plaudern, erzählen, schnacken, irgendwo zwischen Geistesblitz und Quatsch, zwischen Wahrheit und Seemansgarn - das kann er wie kein Zweiter. "Ganz intim wird das hier, ganz kuschelig - ich hoffe, Ihr habt eure Reizwäsche dabei", sagt er, gefolgt vom typischen Lindenbergschen Lachen, einem ansteckend geschnaubten "Hähähähä". Viermal "hä" - nie drei, nie fünf, immer vier: "Hähähähä."

Stage-Diving im Sonderzug nach Pankow

Nach 32 Jahren war es endlich soweit: Udo Lindenberg ist passend zu seinem berühmten Ohrwurm mit dem "Sonderzug nach Pankow" gefahren und hat in der U-Bahn während der Fahrt ein improvisiertes Livekonzert gegeben. Plätze gab es für 70 Gäste, die Tickets für die Aktion von radioBerlin 88,8 und BVG waren verlost worden.

"Nach Pankow einsteigen, büdde", hatte es vorher schon seit Wochen in der U2 getönt: Lindenberg kündigte vom Band jede Abfahrt Richtung Norden an. Jetzt steht er also leibhaftig in der U-Bahn: Mit Fernsehteams und Fotografen, vor allem aber mit Hörerinnen und Hörern von radioBerlin 88,8 fährt er im "Sonderzug nach Pankow". Die Fahrt markiert das Ende der Aktion "Mach mal 'ne Ansage" von BVG und radioBerlin 88,8: Seit Anfang Februar sagten erst Prominente, dann ganz normale Berlinerinnen und Berliner alle Stationen der U2 von Ruhleben bis Pankow an.

Eine "grandiose Sache" sei das, sagt Lindenberg. "Ein Traum wird wahr für mich." 32 Jahre ist es her, dass er den "Sonderzug nach Pankow" besungen hat - jetzt ist er Wirklichkeit geworden. Pünktlich um 18:15 Uhr setzt er sich am Olympiastadion in Bewegung. "Ganz schön schaukelig, oder?", kommentiert Lindenberg und fällt einem Fan auf den Schoß. Ob er das absichtlich tut oder nicht: Beide haben an diesem Nahkontakt offenbar ihren Spaß.

Lindenberg singt ein paar seiner größten Hits, begleitet von Gitarre, Klavier und Saxophon - und bei einigen Songs unterstützt von Josephine Busch, die im Lindenberg-Musical "Hinterm Horizont" die weibliche Hauptrolle spielt. Der Song, nach dem das Musical benannt wurde, ist natürlich dabei, auch das Lindenbergsche Credo "Ich mach mein Ding" und seine alte Ballade "Das Mädchen aus Ost-Berlin", die vom Zufall eine besonders schöne Choreographie geschenkt bekommt: Gerade als das schmachtende Saxophon-Solo beginnt, taucht der Zug kurz vorm Bahnhof Nollendorfplatz aus dem U-Bahntunnel hinauf ins Abendlicht.

"Ihr kennt ja die ollen Kamellen"

Kernstück des Konzerts ist natürlich der von den Fans laut bejubelte "Sonderzug nach Pankow". Der Song ist ein Stück Ost-West-Geschichte. Lindenberg besang ihn 1983, auch um die DDR-Führung zu provozieren, die ihn nicht in ihrem Land auftreten lassen wollte. Lindenberg machte Erich Honecker im Song zum "Oberindianer", der sich heimlich die Lederjacke anzieht, weil eigentlich ein Rockerherz in ihm schlägt. Honecker fand das zunächst gar nicht lustig, doch schließlich lud er Lindenberg doch zu einem Konzert ein. Lindenberg überreichte ihm eine symbolträchtige Lederjacke, Honecker bedankte sich später, indem er Lindenberg eine Schalmei schenkte, das Instrument, das er in seiner Jugend gespielt hatte.

Lindenberg streift all das in seinen ausgiebigen Plaudereien, ausschnitthaft und über die ganze Fahrt verteilt. Man versteht nicht immer im ganzen Zug, was er da gerade genau erzählt - geschuldet zum einen seinem durch nichts auf der Welt aus dem Takt und der Ruhe zu bringenden Mittelgeschwindigkeitsnuscheln, zum anderen der fröhlichen Geräuschkulisse, die die Fans erzeugen. Aber wie Lindenberg selbst sagt: "Ihr kennt ja die ollen Kamellen." Dennoch: "Echt happy" sei er über die Aktion. "Das ist eine historische Sache heute. Nicht hysterisch, sondern ganz entspannt."

"Tolle Erfindung, so ein Sonderzug, oder?"

Entspannt? Ja, das ist Udo Lindenberg - obwohl er zugleich ständig unter Strom zu stehen scheint. Es ist ein gemächlicher Strom, der ihn weiter treibt. Im Seemannsgang schlendert dieses Mensch gewordene Dubdidu durch den Zug, mit einer Coolness, die ihres gleichen sucht. Er singt seine Songs, tanzt auf der Stelle, verteilt Küsschen. "Rosemarie heißt du? Schöner Name, schöne Frau", flirtet er - und Rosemarie ist verzückt.

Lindenberg lässt das Mikro am Kabel durch die Luft schwingen. Dass das anschließende Auffangen, das zu dieser Rockstargeste dazu gehört, nie im ersten Anlauf gelingt, wirkt bei ihm nicht peinlich, sondern ganz im Gegenteil: Es lässt ihn noch cooler wirken. So lässig, so unbekümmert - das kann nur "Udo". "Geil hier", sagt er immer wieder. "Tolle Erfindung, so ein Sonderzug, oder?" Die Fans pflichten ihm bei. Sie singen jede Zeile mit, genießen die Tuchfühlung mit ihrem Star. Dass die Luft allmählich schlechter wird, stört hier niemanden. Auch dass der Zug kurz vorm U-Bahnhof Bülowstraße immer länger stehen bleibt und langsam Verspätungsminuten sammelt, trübt die Stimmung nicht im Geringsten.

Zwischenhalte sind auf der Fahrt eigentlich nicht vorgesehen. An den meisten U-Bahnhöfen rauscht der Zug so schnell vorbei, dass die am Bahnsteig wartenden Fahrgäste so schnell gar nicht registrieren, was da gerade an ihnen vorüberzieht. Am Potsdamer Platz tuckert die Bahn etwas langsamer vorbei. Irritierte Gesichter schauen in die U-Bahn, eine Frau hebt gerade die Hand, um ihrem Begleiter zu zeigen, was sie da gerade im Zug gesehen hat - da ist er schon wieder weiter gefahren.

Am U-Bahnhof ist ein kleine Hölle los

Etwas später macht ein Tablett mit Eierlikör die Runde - einem erklärten Lieblingsgetränk Lindenbergs. Der Zug ist da schon um einiges zu spät. Gemächlich rumpelt er im Boogie-Takt von "Johnny B. Goode" weiter Richtung Spittelmarkt.

Als der Zug schließlich in Pankow ankommt, ist es 19:30 Uhr - deutlich über der Zeit, aber immer noch locker früh genug fürs anschließende Konzert im Ballhaus Pankow. Am U-Bahnsteig ist eine kleine Hölle los. Als Lindenberg den Zug verlässt, wird er gleich von einer Menschentraube verschluckt. "Wo ist er denn?", fragt ein Mann. "Er ist einfach zu klein", kichert ein anderer. Dann ist er auf einmal im Fahrstuhl zu sehen. Weiter vor sich hin plaudernd entschwebt er in der verglasten Kiste nach oben.

Oben vor dem Bahnhof wird Lindenberg von einer noch größeren Menschenmenge erwartet. "Udooooo", kreischt eine Frau - und wird von den Umstehenden freundlich ausgelacht. Jemand hat eine Gitarre mitgebracht und gibt eine eigenwillige Version von "Ich mache mein Ding" zum Besten. Was denn hier los sei, erkundigt sich ein junger Mann. "Ach deswegen habe ich eine Stunde für den Weg nach Hause gebraucht", quittiert er die Antwort. "Na schönen Dank auch", schnaubt er - und reiht sich dann doch bei den anderen Schaulustigen ein.

Schließlich kommt Lindenberg aus dem Bahnhof. Er lässt sich noch ein bisschen fotografieren und läuft zum Shuttle-Wagen Richtung Ballhaus. Immer im tiefenentspannten Takt des Dubdidu - und mit dem nun fast zu Ende gerauchten Zigarrenstumpen in der Hand. Vielleicht wartet im Ballhaus ja schon Helmut Schmidt - und hat den Saal mit seinen Mentholzigaretten schon mal für Udo vorbereitet.

Text: Fabian Wallmeier