03. April 2012 Udo Lindenberg feierte mit drei lauten Rockshows den Abschluss seiner Tour in Köln

Quelle
Westfälische Nachrichten

Deutschland hat eine neue "Panik-Zentrale", und die steht in Köln. Gleich dreimal in Folge schwebte Udo Lindenberg am Freitag, Samstag und Montag in der Gondel eines riesigen Zeppelins in die imposante Lanxess-Arena. Zusammen rund 50 000 Fans feierten mit ihm den Abschluss einer Tournee, die Lindenberg auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner 40-jährigen Karriere zeigt. Die größten Hallen – und die spektakulärste Show seit langem.

Hut, Kapitänsjacke, „Hey Leute, keine Panik!“: Natürlich ist der Udo Lindenberg da auf der Bühne eine Kunstfigur. Sie ist noch nicht mal irgendwie ironisch gebrochen: Der 65-Jährige zieht die Rolle mit ernster Mine durch. So wurde er mit coolem Gesprech und flatternden Knien zum Inbegriff vorgelebter Lässigkeit. In all den Jahrzehnten. Entsprechend groß ist der Auftritt. Nach historischen Luftschiff-Filmschnipseln tut sich die gigantische Videowand auf, und ein 20 Meter langer Zeppelin schwebt herein. In der Gondel steht Udo Lindenberg. „Keiner weiß, wohin die Reise geht“, singt er im ersten Lied („Odyssee“). Die Reise geht ein Stück weit zurück in alte Show-Ären. Die „Cello“-Spielerin wird am Abend in einer durchsichtigen Kugel über der Bühne turnen, ein blutiger Vampir erweist sich nach „Null Rhesus negativ“ als Vertikalseil-Artist, und über allem begeistert die riesige Videowand mit passenden Bildern. Doch all das würde keinen Sinn ergeben und nicht nachhaltig begeistern, wenn die Musik nicht stimmen würde. Und die ist seit jeher ganz ausgezeichnet, woran das Panikorchester einen entscheidenden Anteil hat. Dabei geht es auf dieser Tour weniger fein und elegant zu als beim (Panikorchester-freien) „MTV-Unplugged“-Konzert, mit dem Udo Lindenberg im vergangenen Herbst Riesenerfolge feiert. Nein, die Panik-Band hat eingestöpselt und die Geräte bis zum Anschlag aufgedreht. Mit voller Wucht treiben sie die Hits vorne raus. Selten zuvor schrien die Gitarren so rustikal und laut wie bei diesen Konzerten, die Lindenberg mangels neuen Materials einfach mit einem alten Songtitel überschrieben hat: „Ich mach’ mein Ding“. Der Unplugged-Ausflug spielt anno 2012 nur eine kleine Rolle. Für drei akustische Lieder wechselt Udo auf eine kleine Bühne in der Hallenmitte. Zu Fuß durchs Publikum übrigens, eine Hand stets schützend gegen potenzielle Hut-Diebe auf dem Kopf. Bei den anderen Titeln hat er allenfalls Elemente der Unplugged-Arrangements eingearbeitet. Zwei vertraute Gesichter aus dem Panikorchester fehlen an diesem Abend: die Gitarristen Carl Carlton und Carola Kretschmer. Dafür sind viele Gäste an Deck. Clueso hilft bei „Cello“, Jan Delay darf nicht fehlen bei „Ganz anders“ und „Reeperbahn“, und für zwei Songs setzt sich gar Stefan Raab ans Schlagzeug. Aus Pankow ist die Hauptdarstellerin des Lindenberg-Musicals dabei – der eingeschweißte Lindenberg-Clan ist also wieder beisammen. Zweidreiviertel Stunden nimmt Udo Lindenberg sich am Samstag Zeit für die Show, die mit Krachern wie „Andrea Doria“ und „Candy Jane“ ein lautstarkes – und bei Lindenberg bewährtes – Finale findet. „Goodbye Sailor“ singt er als letzte Zugabe. Dann schwebt er im Zeppelin aus der Halle. Aus dieser neuen Panik-Zentrale. Die Konzerte in Köln wurden aufgezeichnet und sollen als DVD veröffentlicht werden.

Text: Gunnar A. Pier