Papenburg. Das Regentief „Quasimodo“ konnte dem Panikrocker nichts anhaben. Vor rund 20.000 Musikfans hat Udo Lindenberg am Freitagabend in Papenburg ein mitreißendes Konzert gegeben. Dabei sparte er nicht mit klaren politischen Botschaften. Einen überraschenden Gastauftritt hatte Komiker-Legende Otto Waalkes.
Kaum zu glauben, dass Udo Lindenberg schon 71 Lenze zählt. Noch während um kurz nach 20 Uhr das Intro läuft und die Mitglieder des Panikorchesters nach und nach die Bühne entern, schwebt der Rockstar rank, schlank und lässig in einem Lift stehend, mit einem Kran von oben herein. Der Dauerregen, der es der Vorband SDP noch schwer gemacht hatte, hat zu diesem Zeitpunkt ausnahmsweise für eine gewisse Zeitspanne aufgehört.
„Das war doch eine klare Sache“, nuschelt Lindenberg ins Mikrofon, nachdem er – schnoddrig, wie ihn seine Fans seit Jahrzehnten kennen und lieben – sein erstes Gastspiel in Papenburg mit „Odyssee“, „Einer muss den Job ja machen“ und „Mach mein Ding“ eröffnet hat. Er habe gute „Connections zu denen da oben“, mit denen Lindenberg seine verstorbenen Eltern Gustav und Hermine meint, die er explizit beim Namen nennt. „Regen, verpiss Dich!“, habe er gesagt.
Brav bedankt sich der Panikrocker beim Publikum, das auch nach Konzertbeginn weiter in Scharen auf das Gelände strömt, hinter dem sich majestätisch das neue Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft, die „World Dream“, erhebt. „Es ist so spitze, hier zu sein“, sagt Lindenberg und dankt seinen Fans für „Treue und Liebe“. Lindenberg blickt in die Menge, in der sich Tausende in teils bunte Regencapes gehüllt haben. Schirme sind verboten und werden an den Einlasskontrollen ebenso einkassiert wie Glasflaschen. Viele Zuschauer schneiden den Auftritt unablässig mit ihren Smartphones mit. Sie verfolgen gebannt, wie der Kran noch weitere Male spektakulär zum Einsatz kommt.
Zunächst sind es drei Damen, von denen sich eine an einem Trapez rekelnd in rotem Licht zu den Klängen von „Cello“, einem der jüngeren Lindenberg-Klassiker, bewegt. Für einen Überraschungseffekt sorgt der Auftritt von Otto Waalkes, der zusammen mit einem grünen UFO, dem Außerirdische (oder Außerfriesische?) entsteigen auf der Bühne auftaucht. Zusammen mit Lindenberg gibt der ostfriesische Blödelbarde eine Coverversion von AC/DCs „Hells Bells“ zum Besten. Zuvor hat sich Lindenberg, der das Mikro samt Kabel zwischenzeitlich immer wieder wie ein Lasso schwingt, direkt auf der Bühne ein Gläschen Eierlikör genehmigt. „Ist gut für die Stimme“, raunt er dem Publikum zu. Das Panikrocker-Image will eben auch mit 71 gepflegt werden.
Aber Lindenberg hat auch etwas Ernsthaftes zu sagen. Vor „Wozu sind Kriege da?“ – bei dem Song wird er von einem Mädchenchor aus Düsseldorf begleitet – geißelt er die „Waffenindustrie, die Kriege inszeniert und Schampus säuft“, bezeichnet die Präsidenten Wladimir Putin (Russland) und Donald Trump (USA) als „Schwachmaten“ und reckt ihnen den Stinkefinger in den wolkenverhangenen Abendhimmel entgegen. Während des Klassikers „Führer“, bei dem er den Originalvers „diese neuen Nazischweine“ durch „rechte Hetzer“ ersetzt, flimmern auf einer Leinwand die Politiker-Konterfeis von unter anderem Trump, Erdogan, Frauke Petri, Geert Wilders und Marine Le Pen. Alle tragen bunte Partyhütchen.
Im Zugabenblock tauchen die Lindenberg-Klassiker „Sonderzug nach Pankow“ und „Alles klar auf der Andrea Doria“ auf. Zum Finale beim Song „Reeperbahn“ geht das Publikum begeistert mit. Am Ende geht – oder besser gesagt entschwebt – Lindenberg auf demselben Weg, wie er gekommen ist: mit dem Lift am Kran, diesmal aber mit einem Raketenstart im Raumanzug. Mit einem Feuer auf der Bühne und einem kurzen Feuerwerk dahinter geht ein packender Konzertabend zu Ende. Die Zuschauer sind begeistert. Eines steht fest: Papenburg hat einen Udo Lindenberg in Top-Form erlebt.
Die Besucherin Lisa Schippler schwärmt. „Das ist mein erstes Konzert von Udo. Ich wollte ihn gerne mal live sehen und das vor dieser Kulisse“, sagt sie. Schippler kommt aus Frankfurt/Main und war durch eine Freundin aus Ditzum auf das Konzert aufmerksam geworden.
Für die Einsatzkräfte verläuft der Konzertabend entspannt. Die Leute vom Malteser-Hilfsdienst müssen kaum eingreifen. Einige Besucher beklagen Kreislaufprobleme, einer muss vorsichtshalber ins Krankenhaus. Auch bei der Polizei bleibt die Lage ruhig. „Alles super entspannt“, heißt es.
Papenburg bleibt unterdessen im Konzertfieber. Zum seit Monaten ausverkauften NDR-2-Festival mit Jan Delay als Headliner werden am Samstag, 9. September 2017, 25.000 Musikfreunde erwartet. Mal sehen, wer „Quasimodo“ diesmal am besten die Stirn bietet. Das Festival beginnt um 15 Uhr. Als erstes wird Max Giesinger auf der Bühne stehen.
Text: Gerd Schade
Fotos: Tine Acke