„Ich schlich 1000 Nächte durch endlos lange Gänge im Atlantic Hotel“, erzählt Udo Lindenberg über die Zeit der Pandemie. Nun geht er wieder auf Tour und kommt auch in Hannovers ZAG-Arena – der Panikrocker im Interview über die Bedeutung von Konzerten, Kummer im Krieg und seine positive Grundhaltung.
Hannover. Udo Lindenberg (76) war auf Entzug – auf Konzertentzug. Jetzt ist er, unter dem Motto „Udopium“, wieder unterwegs. Vor seinen beiden Konzerten in Hannovers ZAG-Arena erzählt er im Interview, wie sehr ihm das Touren gefehlt hat.
„Udopium – Live 2022“ heißt Ihre Tournee. War Udopium fürs Volk je wichtiger als heute?
Wie haben wir das vermisst, unsere Panikfamilie, den Clan der Lindianer … nach so vielen Tagen der Entbehrung, endlich wieder vereint. Da ist so eine enge Beziehung zwischen den Fans und uns Panikern, eine große Liebe – das gibt ihnen und mir immer wieder neue Power. Wenn die Zeiten so sind wie jetzt gerade, tragen wir uns da gegenseitig durch. Wir sind echt froh, wieder auf der Bühne zu sein.
Es gibt wieder einen heißen Krieg in Europa. Wir beide kennen den kalten. Welche Gefühle beschleichen Sie angesichts dieser Situation?
Ist echt ein Schocker. Das hätte wohl kaum einer für möglich gehalten, dass in Europa noch mal ein so irrer durchgeknallter Diktator ein Land überfällt, das ist grausam und erschreckend. Hoffentlich findet das Grauen bald ein Ende. Wir hier in Deutschland haben ja die letzten 70 Jahre in Frieden gelebt, ein hohes Privileg. In so vielen Ländern toben vergessene Kriege: Syrien, Mali, im Jemen ... Außerhalb Europas ist das brutale Realität, seit Jahrzehnten. Wenn die Menschheit nicht die Kriege beendet, beenden die Kriege die Menschheit.
Vor 41 Jahren sangen Sie und Pascal Kravetz, damals ein Kind, erstmals „Wozu sind Kriege da?“. Es gibt immer noch keine Antwort darauf, oder?
Dass wir den Song nach 40 Jahren immer noch singen müssen?… Pascal war damals zehn. Heute ist er lange erwachsen – und wir singen ihn immer noch zusammen. Ja, bei allem Realismus dürfen wir unsere Utopien von einer besseren Welt für alle Kinder der Welt niemals aufgeben. Dafür stehen wir, gemeinsam mit der jungen Generation von heute. Give Peace a Chance.
Was machen Sie, wenn Ihnen die Welt zum Heulen erscheint?
Ich überlege, was ich dagegen machen kann und frage mich immer wieder: Kann ich mit Liedern etwas bewirken? Vielleicht ein bisschen: ein bisschen dazu beitragen, dass mehr Menschen sich engagieren, in Initiativen für Menschenrechte und Demokratie, bei humanitärer Hilfe für die Ukraine bis zur Seenot- Flüchtlingshilfe im Mittelmeer. Es gibt so viel zu tun. Natürlich bin ich oft nachdenklich, aber?… Ich habe so eine Art Power und Automatik, immer das Beste daraus zu machen. Ich bin von meiner eigenen Gesetzgebung her ein neugieriger, nach vorne schauender Typ. Und Optimismus ist bei mir auch immer so eine Grundhaltung – da zieht mich so schnell nichts richtig runter. Natürlich bin ich mal wütend, auch mal kurz verzweifelt über Kriegshetzer, Homophobe, rechte Spinner, die heute in smarten Anzügen im Parlament sitzen. Dann denke ich aber schnell wieder dran: Wir sind viel mehr in der Bunten Republik Deutschland – und gemeinsame Action mit der Panikfamilie bringt mich wieder hoch.
Wie wichtig ist jetzt Gemeinschaft – nicht zuletzt auf Konzerten?
Gut, dass es wieder losgeht. Wir haben gemerkt auf den ersten Konzerten, wie groß diese Sehnsucht war: endlich wieder gemeinsam feiern, auf Konzerte gehen. Das war auch für uns ein ultraharter Entzug, drei Jahre ohne Publikum. Die ganze Branche lag brach. Dass das jetzt wieder losgeht, haben alle gebraucht. Crew und Panikzirkus sind ja über die Jahre echt eine große Gemeinschaft geworden. Und so manche Existenz war bedroht, jetzt – mit den Festivals und Tourneen – hat eine nicht gerade kleine Branche endlich wieder Arbeit. Das Publikum feiert wieder sich und seine Stars, wir unseren Clan der Lindianer.
Kultur wurde in den vergangenen zwei Jahren immer wieder als verzichtbar erklärt. Ihre „Systemrelevanz“ wurde in Frage gestellt – und vehement verteidigt. Was ist Ihre Haltung dazu?
Kultur ist systemrelevant. Sie regt an, mischt sich ein, mahnt Veränderungen an. Im Prinzip ist sie ein Spiegel der Gesellschaft. Kultur ist geistiges Überlebensmittel, gibt Denkanstöße, rüttelt wach, zaubert auch kreative gesunde Unruhe ins Land. Wer im Land die knallbunte Kultur verschläft, wacht in der Diktatur auf.
Wie haben Sie überhaupt die vergangenen zwei Jahre überstanden – und wie sehr fehlte der Kontakt zum Publikum?
Ich schlich 1000 Nächte durch endlos lange Gänge im Atlantic Hotel, kam mir vor wie in „Shining“, diesem spooky Film mit Jack Nicholson. 1000 einsame Nächte, in denen ich viel gemalt, getextet und Sport getrieben habe. Aber die Bühne hat mir extrem gefehlt. Die Briefe von den Fans, die herzlich lieben SMSe und Rauchzeichen unserer Panik-Experten haben mich allerdings auch ganz wesentlich durch diese schweren Zeiten durchgetragen.
Endlich wieder Udo Lindenberg in Hannover – was verbinden Sie mit dieser Stadt?
Geniale Konzerte, herzliches und temperamentvolles Publikum, zur Expo 2000 „Aus Fremden werden Freunde“. Hannover ist nordische Coolness und eine ganze Ladung beste Laune – eine ganz besondere Mischung.
Worauf kann man sich bei den Konzerten freuen?
Neben der panischen Nachtigall und meinen Mega-Musikal-Artisten genialer Rock-’n’-Roll-Chor und Pustefix-Bläser, gigantische LED-Walls, tolle Visuals, big Partytime, wahnwitzige Akrobatinnen, Tänzer und das beste Panikorchester, das es je gab. Dazu unsere Songs: „Wozu sind Kriege da“ und „ Wir ziehen in den Frieden“ mit dem Kiddies-Chor, ja, Unterhaltung mit Haltung … Der ganze Panikzirkus ist auf der Bühne mit den besten Panikperlen und Songs, die wir auf dieser Tour zum ersten Mal live spielen. Wir sind 170 Leute zusammen auf Tournee – yeah! Think Big – geilstes Showteil ever. Das ist sooo Hammer, ich gehe da jeden Abend auch selber hin (lacht).
Interview: Stefan Gohlisch
Fotos: Tine Acke