Dieser Greis ist wahrlich heiß: Udo Lindenberg feierte mit seiner Panik-Crew und 40.000 Fans in der Stuttgarter Benz-Arena eine Wahnsinnsparty.
Einer flog übers Publikum. Natürlich Udo Lindenberg, der Pate des deutschen Rock und Pop, der hoch über den Köpfen der Fans, an einem Stahlseil hängend, auf die gewaltige Bühne zusteuerte. Um sich dann vom Lindi-Ballett einnebeln zu lassen. Ein Höhepunkt, dem in den folgenden 160 Minuten noch viele weitere folgen sollten. 30 Trucks hatten das gigantische Bühnenbild für diese Rock-Revue im geradezu udopischen Format herangekarrt, inklusive eines Baukrans, der später ein Ufo samt Alien Gerhard Gösebrecht durchs Daimler-Stadion fliegen ließ.
„Stärker als die Zeit“, so heißt der Titel des neuen Albums, das sich drei Wochen auf Platz 1 der Charts festsetzen konnte. Udo Lindenberg, der gerade erst seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, ist das ja sowieso. Bei seinen „Keine Panik“-Stadionshows sprengt er derzeit allerdings alle Grenzen, kümmert sich einen alten Dreck um Gewinnmaximierung und Mega-Knete. Tanzeinlagen, Akrobatik, Pustefix-Bläser, Kinderchor und zahllose Gäste und Solisten. Gespart wurde hier kein bisschen, eher schon großzügig verschleudert. 34 Lieder, diverse Überraschungscoups und der Meister immer leichtfüßig mit grünen Socken unterwegs – auch am Ende dieser beeindruckenden Show stimmlich und konditionell voll auf der Höhe.
Zu Beginn der musikalischen Odyssee zeigte die coolste Socke des deutschen Unterhaltungsmusik nicht nur, dass er sein Ding macht, sondern mit Liedern wie „Cello“ über Jahrzehnte auch immer den richtigen emotionalen Ton getroffen hat. Mit „Schwere Zeiten“, dem jüngsten Hit, der das Licht am Ende des Tunnels in all der Schwermut wieder aufleuchten lässt, ist ihm ein solcher Coup wieder gelungen. Textsicher wurde im großen Maßstab wie bei den Klassikern mitgesungen. In „Wozu sind Kriege da“ auch vom Kinderchor unterstützt.
In „Straßenfieber“ rief uns Udo zur mentalen Mobilmachung gegen Nationalbedröhnte und Ewiggestrige auf und wetterte in „Sie brauchen keinen Führer“ gegen Nazischweine – zusammen mit „Pur“-Sänger Hartmut Engler, der ebenfalls seine Stimme gegen rechts erhob. Im kunterbunten Lindiland gibt’s keine Mauern und dreht sich alles um „ein solidarisches Europa“.
Den Tanz auf dem Vulkan beherrscht er noch immer perfekt. Mit der in Latex hauteng verpackten Josephin Busch, Hauptdarstellerin des Berliner Musicals „Hinterm Horizont“, schwamm er gegen die Strömung, um sich dann von Helge Schneider auf dem Saxophon mit reichlich Schmackes den Blues spielen zu lassen. Diese „Honky Tonky Show“ nahm aber danach immer weiter Fahrt auf. Wirtz als Rapper, Blödelbarde Otto auf dem „Highway to Hell“ stimmlich sehr stark. Heiße Greise am Abdrehen, Überfüllung auf dem Laufsteg, und selbst hinterm Horizont schien die Luft noch zu brennen.
Daran konnte auch der nach zwei Stunden einsetzende Regen nichts ändern. Der Panikkapitän schlitterte grünsockig und höchst vital auf dem Steg herum, die „Andrea Doria“ schipperte mit Volldampf durch die Arena. Das große, geradezu zirzensische Finale mit „Candy Jane“ und „Reeperbahn“ wurde zu einem turbulenten und exzessiven Schlusspunkt, über- und durchgedreht: Carola Kretschmer in diesem wunderbaren Chaos ganz stark an der Gitarre und Lindenberg erneut über den Fans. Noch einmal ließ er sich an Drähten in einem Stahlkäfig durchs Stadion fliegen.
Udo ließ die Schwaben schweben, er selbst war sowieso als Überflieger unterwegs. Überall Bewunderung und Staunen. Von wegen nur Labertasche und Sprachverwandler, Eierlikör-Vertreter und bester Nichtsänger der Nation. Diese Show zeigte Udo Lindenberg als sympathischen Superstar und einen Vollprofi, der jede Minute dieses Wundertüten-Konzerts in vollen Zügen zu genießen schien. Darin lag die eigentliche Power dieser Show, die natürlich mit einem kurzen, aber gewaltigen Feuerwerk enden musste. Mit 70 Jahren so drauf zu sein, das wäre schon was. Was für ein Udo.
Text: Udo Eberl
Foto: Tine Acke