Im Olympiastadion begeistert Panik-Rocker Udo Lindenberg mit einer spektakulären Show. Auch Helge Schneider und Otto treten auf.
Berlin. Es spricht ja gerade alles, über den "neuen" Trend zu deutscher Musik. Über die Helene, die Connor, und den Bourani, den Gabalier und den Cro, aber bevor die waren, bevor sie Deutsch sangen und damit die deutsche Masse, den Mainstream begeistert haben, sehr lange vor ihnen, da war er, der Ex-Kanonier der Raktenartillerie Wesel, der berühmteste Hotelbewohner und dauerbesonnenbrillte Nuschler Deutschlands: Udo Lindenberg.
Er war der Erste, der Schlager und Rock erfolgreich vermischte. Seine Songlyrics zwischen Gosse, Gefühl und Grandezza ließ gestandene, ja Nietengürtel-starke, schwarz bewandete Männer weinen, ließ sie träumen von Eierlikör, dem ewigen Mädchen aus Ost-Berlin und einer Welt in Frieden, ohne Waffen, Rassismus und Gewalt.
Die Legende lebt
Das alles ist theoretisch lange her, aber die Legende lebt, im Kempinski in Hamburg, trinkt dort viel Cola light, isst Thunfischsalat und liebt das Joggen um die Alster. Sie sagt, sie ist traurig, wenn sie nicht auftritt, und das soll nicht sein, also erleben wir in diesem Jahr, powered by Volkswagen "Das Auto", die große, deutsche "Panikparty 2015", eine Tour durch drei Städte.
Eine davon heißt Berlin. Zu "Odyssee" schwebt er ins Olympiastadion. Die LED-Bühne steht unter Wasser, und das Publikum steht auf. Auf der Bühne angekommen, zeigt er sein Kajal-geschminktes Augenpaar, es ist eine kurze Begrüßung, bevor er "Heizer" und "Boogie Woogie Mädchen" singt, ohne Pause, ohne ein Wort, und dann in den ersten Publikumsliebling mündet – in " Ich mach mein Ding". "Trommelstöcke in der Tasche, in der Hand ne Cognacflasche, und ein Autogramm von Klaus Kinski. Und ich mach mein Ding, egal was die anderen sagen" – es ist die Sehnsuchtshymne der Malocher, der Arbeiter, der Angestellten, die leider überhaupt nicht ihr Ding machen können, sondern immer nur das eine Ding, das ihr Chef ihnen sagt.
Im Olympiastadion stehen sie auf, ungefragt, ungebeten, singen laut mit, aus dem Kopf, aus dem Bauch, die Kamera fliegt über sie hinweg, immer wieder fängt sie einen Fan ein, der sich mit Hut, Brille, und Trainingshose als Udo verkleidet hat, nein, in Udo verkleidet hat. Für einen Abend wird der Udo-bewandete Arbeiter hier durchdrehen. Panik statt German Angst. Honky Tonky Show. Zwischen E-Gitarren und Schlagerballaden wird er frei sein, bunt, Künstler sein, wie Udo, zu viel Cognac trinken und nuscheln: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur zu selten dazu".
"Berlin, Berlin, Berlin, Yeah!"
"Berlin, Berlin, Berlin, Yeah!" Nach fünf Liedern, begrüßt Lindenberg das Olympiastadion, seine "kleine Nachtigall". Eine Riesenfamilienfeier, stünde bevor, "yeah, yeah, yeah". Denn für kurze Cameos hat er allerhand altmeisterliche Weggefährten eingeladen: Otto singt mit ihm "Highway to hell" und, es passt, der "Greis ist heiß". Helge Schneider spielt kurz mal Saxophon und Eric Burdon, gibt, leicht außer Atem, "We Gotta Get Out Of This Place".
Aber auch Nachwuchs wie Clueso, Adel Tawil und Jan Delay geben sich die Ehre. Udo findet das alles "Yeah". Nach fast jedem Satz, den er spricht, macht er "Yeah", denn er weiß, so und mit so viel bunten Bühnenlicht, mit Tänzern, Akrobaten, mit über den Boden rollen, mit fliegenden Ufos, mit viel bunt, bunt macht man eine Show wie ein Bilderbuch, ein Bilderbuch für Erwachsene.
Er erzählt kleine Geschichten, wie das eine malerische Mal, wo er Egon Krenz am Flughafen traf, oder wie er Susi Kentikian, die Boxerin, ihm von ihrer Flüchtlingsvergangenheit erzählte. Udo singt er, will die BRD, die "Bunte Republik Deutschland". Er sagt Freital, das mache ihn betroffen. Ausländer raus? Wohin sollen sie denn gehen? Zu den Mördern? Zu Isis? So sagt, so fragt er das.
Ein neues Lied hat er auch. "Komm wir werden Freunde". In schönster Kinderbilderbuchmanier reicht er so den Flüchtlingen seine Hand: Komm wir werden Freunde, bist jetzt bei uns Zuhause, keiner schmeißt dich je wieder raus. Das Publikum applaudiert Minuten lang. Alles so schön einfach hier in Udo-Land. Es hätte es sehr, sehr gut gefunden, nicht aus dem Olympiastadion, nicht aus seinem Udo-Traum rausgeschmissen zu werden – und zurück, in die Realität, die weniger bunte.
Text: Julia Friese