Gleich zu Beginn, noch bevor der baldige 71-jährige Udo Lindenberg am Sonntagabend auf die Bühne schwebt, werden Aha-Effekte und Ausrufezeichen gesetzt.
All die zahlreichen Hüte, Lederjacken und Sonnenbrillen, die sich in der ausverkauften Arena Leipzig versammelt haben, werden mit einer sinfonischen Dichtung in die große Trommelwirbel-Show eingeführt: Es gibt Smetanas „Die Moldau“ aus dem Jahre 1882.
Wild und erhaben fließt darin der Fluss, unter dem nächtlichen Mondschein rauscht er an tanzenden Nymphen vorbei. Zum Verlieben schön. Anschließend stürmt und braust die hohe, blaue See auf der Videoleinwand, ein Gewitter zieht auf, Lindenberg gurgelt mit Eierlikör. Was letztes Jahr begonnen wurde, wird nun fortgesetzt, die „Stärker als die Zeit“-Tour begeisterte in den großen Stadien Deutschlands. Kann sie auch in kleineren Hallen zünden?
An der Ästhetik wurde kaum geschraubt, noch immer vereinen sich Rock- und Liebesliedern der letzten 43 Panik-Orchesterjahre, noch immer wird alles in der Hoffnung auf eine „Bunte Republik Deutschland“ wild durcheinander gemischt: Ufolandungen, Varieté, Videokunst, Kinderchöre, Artisten, Trommel- und Gitarrensoli, die große Honky-Tonky-Show eben. Mit Clueso wird wieder das „Cello“ herausgeholt, Lindenberg, Hand in Hand mit kleinen Kindern singt er „Wozu sind Kriege da“, wird politisch: „Ey, die Militärausgaben lagen 2015 weltweit bei 1,7 Billionen Dollar! Ein kleiner Teil von diesem Geld könnte die ganze Welt über Jahre ernähren. Das Weltgewissen würde aufheulen! Denken die eigentlich, wir sind eine stumme Armee, die ewig schweigt?“
Aha-Effekte und Ausrufezeichen, Lindenberg holt das alte, politische Lied „Straßenfieber“ heraus. Ja, es ist höchste Zeit, ein Mittel gegen Nationalisten und Demokratiezerstörer zu entwickeln. Beim Anti-Nazi-Song „Sie brauchen keine Führer“ werden auf der Videoleinwand beispielsweise Beatrix von Storch, Viktor Orban, Alexander Gauland, Donald Trump, Björn Höcke, Frauke Petry, Geert Wilders, Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin mit spitzen Partyhüten versehen. Dazu gibt es eine neue Textvariante: „Nein, sie brauchen keinen Führer / Nein, sie können's jetzt auch alleine / Nein, sie brauchen ihn nicht mehr / Diese neuen rechten Hetzer.“ Stürmischer Beifall brandet auf, langsam erheben sich auch die Gäste in den Sitzlogen. Aha-Effekte und Ausrufezeichen.
Als die „Andrea Doria“ und der „Sonderzug nach Pankow“ an der „Reeperbahn“ anlaufen, dort ihre Heimat finden und das bunte Treiben immer bunter wird, gibt es kein Halten mehr. Lindenberg, längst müssen nur noch die quietschgrünen Socken den spindeldürren Körper und das ständig gewirbelte Mikro tänzeln lassen, kriegt sie wieder, die romantischen Partyherzen seiner Udonauten. Und doch kann die Magie des letztjährigen Open-Air-Konzertes in Leipzig nicht einfach in einer Halle fortgesetzt werden, dafür fehlt der offene und sternenbehangene Horizont hinterm welchem es bekanntlich immer weitergeht.
Um die intimen Momente dieser wuchtigen und perfekt durchgeplanten Show zu entdecken, muss man ganz genau hinsehen: Am Ende des Abends, während den ruhigeren Passagen von „Goodbye Sailor“, nimmt Lindenberg die Sonnenbrille ab, auf der Videoleinwand erscheint sein durchgeschwitztes Gesicht großflächig. Die schwarze Schminke um den Augen ist halb zerflossen, man schaut in einen starken, verwunderten und auch verletzten Blick. Es ist ein Blick voller Dankbarkeit, ein Blick voller Stolz und Hoffnung, der aber Schmerzen nicht zu kaschieren vermag.
In diesem Blick mischt sich Lindenbergs politische Sorge mit der zutiefst persönlichen Frage, ob das, was er für eine bunte, weltweite Republik gegeben hat, ausreichen wird. Gänsehautmomente. Lindenberg lässt das Mikro fallen und schlüpft in sein Astronautenkostüm. Ein Feuerwerk und ein Raketenstart. Tosender Applaus. Eine Karriere der Superlative. Sie in diesen Zeiten zu beenden, hätte zwangsläufig auch den Charakter des Unvollendeten.
Text: Mathias Schulze
Foto: Tine Acke