16. Oktober 2008 Udo Lindenberg ist zurück mit einer Liebeserklärung

Quelle
Berliner Zeitung, 16.10.2008

Er ist einer der größten Rockstars überhaupt – und Udo Lindenberg ist wieder da. Sein 41. Album ist eines seiner besten, und sein Konzert ist es ebenfalls. Samt Panikorchester rockte Lindenberg am Mittwoch die Max-Schmeling-Halle. Wunderbar emotional, wunderbar humorvoll, wunderbar Lindenberg.

So lieben ihn seine Fans: Udo Lindenberg ganz lässig und elegant mit Hut und Brille.
In den frühen Siebzigerjahren, als Udo Lindenberg sein erstes deutschsprachiges Rockalbum aufgenommen hatte und nölig-flapsig und so unerhört eigensinnig vom „Daumen im Wind“ sang, war es eigentlich undenkbar, dass ein Rockmusiker mit 62 Jahren auf der Bühne steht. Und wenn, dann musste er in jenen Jahren mindestens schwarz sein, vom Mississippi kommen und den Blues singen. Rockmusik war junge Musik. Auch Udo Lindenberg hätte es sich damals wohl nicht träumen lassen, dass er selbst mit 62 Jahren noch immer über die Rockbühne toben würde. Und dass er auf einer Tournee noch einmal die großen Hallen füllen würde bis auf den letzten Platz. Wie früher. Und wie jetzt die Max-Schmeling-Halle.
Es donnert und wummert, Flammen züngeln, Kunstnebel wallt: Udo Lindenberg ist in Berlin gelandet. Kurz nach 20 Uhr schwebt er am Mittwochabend auf einem Podest im Astronautenanzug auf die Bühne der mit 9000 Besuchern ausverkauften Max-Schmeling-Halle. Und, welche Überraschung, der Helm, den ihm die Sängerinnen Vanessa Mason und Nathalie Dorra vom Kopf lösen, ist groß genug, um darunter standesgemäß Hut zu tragen. Dann rockt Udo in klassischer Lederhose und mit Nietengürtel los, tanzt und torkelt mit Grandezza durch ein Hit-Repertoire, bei dem sein Publikum jede Zeile mitsingen kann. Was es auch ausgiebig tut.

Mit seinem Album „Stark wie zwei“ feierte Udo Lindenberg ein phänomenales Comeback. Es ist das 41. Album seiner Karriere und das Beste, was er seit mehr als 20 Jahren geschaffen hat. Ein Alterswerk, mit frischem Wind und jungem Team eingespielt, das jahrzehntelange Erfahrung mit einer Art lebensweiser Nüchternheit zum Leuchten bringt. Nein, eigentlich kein Comeback, denn weg war Lindenberg schließlich nie. Nur hat er nun endlich wieder zu alter Größe gefunden. Auch auf der Bühne.

Die großartigen Songs des Albums bilden das Gerüst für seine gut zweieinhalbstündigen Show, für die er sein altes Panik-Orchester nahezu komplett reaktiviert hat. Steffi Stephan am Bass, Bertram Engel am Schlagzeug und Jean-Jacques Kravetz an den Keyboards. Auch der allererste Panik-Orchester-Gitarrist, Thomas Kretschmer, ist wieder dabei, inzwischen gewandelt zu Carola Kretschmer, und spielt das wunderbare Gitarrensolo bei „Nichts haut einen Seemann um“. Keyboarder Hendrik Schaper und die Gitarristen Jörg Sander und Hannes Bauer komplettieren die Panik-Mannschaft, die Lindenberg furios den Rücken stärkt.
Ein Laufsteg führt von der runden Bühne mitten in den Saal, und Lindenberg stakst immer wieder wie sein eigenes Model darüber und badet in der Glückseligkeit des Publikums. „Die Jeans sitzen knapp und jetzt heben wir ab“ lautet die Parole, und mit „Boogie Woogie Mädchen“ wird ordentlich Druck gemacht. Wie in alten Zeiten. Man fragt sich, was Lindenberg die letzten 20 Jahre eigentlich getrieben hat. Aber vielleicht hat er die Zeit der künstlerischen Midlife Crisis, in der er mehr Erfolg mit seiner Likörellen-Malerei als mit seiner Musik hatte, gebraucht. Nun steht er da als ob nichts gewesen sei, schwingt lässig das Mikrofon, wedelt mit den Armen, ruft „geilen Dank für diesen grandiosen Empfang“ in die Halle und sagt: „Mensch, ich hab vor 100 Jahren die Bühne betreten und stehe imme noch hier!“ Und singt mit der so stimmstarken wie durchtrainierten Ellen ten Damme „Der Deal“ im Duett.
Zum Finale gibt es "Hinterm Horizont geht's weiter"
Diese Drei-Generationen-Show ist freilich durchaus altersgerecht. Etliche Balladen gehören zum Programm, viele der neuen Songs, die Elli Pirellis und Votan Wahnwitze bleiben meist im Koffer. Er singt seine wunderbaren, sehnsüchtigen Lieder wie „Cello“, „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“, „Bis ans Ende der Welt“ und zum Finale vor den Zugaben „Hinterm Horizont geht’s weiter“. Da braucht er gar nicht mehr selbst zu singen. Sein Publikum macht es für ihn. Ein wunderbarer Abend mit einem wunderbaren Entertainer, der in Stücken wie „Der Greis ist heiß“ (samt Greisen-Ballett) mit seinem Alter kokettiert oder in „Säufermond“ den eigenen halsbrecherischen Alkoholkonsum verarbeitet. Und im zweiten Zugabenblock singt er auch „Mädchen aus Ost-Berlin“, schickt den „Sonderzug nach Pankow“ und die „Andrea Doria“ in die Tiefen des Meeres. Der Applaus ist frenetisch.
Hier wird die Rückkehr eines der größten Rockstars, die wir haben, gefeiert. Und jedes Lied klingt irgendwie wie eine Liebeserklärung an das Publikum, das Udo Lindenberg so lange die Treue gehalten hat. Es ist schon so: „Zwei wie wir können sich nicht verliern“. Wer nicht dabei sein konnte: am Sonnabend kehrt Lindenberg mit seinem Panik Orchester noch einmal zurück zum Konzert in die Max-Schmeling-Halle. Es gibt noch Karten.