Panik-Präsident Lindenberg zieht mit einer neuen Show durch die Republik. In der Berliner O2 World wird er von mehr als 13.000 Fans gefeiert – vor allem für seine Klassiker wie „Andrea Doria“, „Mädchen aus Ost-Berlin“ oder „Hinterm Horizont".
Er ist zurück. Er ist wieder da, wo er hingehört. Nach nahezu drei aufreibenden Stunden ruft ein glücklich erschöpfter Udo Lindenberg in eine applaudierende Menge: „Für uns als Abenteurer ist Berlin die genau richtige Stadt. Danke an dieses geile Publikum.“ Und besteigt ein Luftschiff, um weiter zu ziehen. „Ich mach mein Ding“ heißt die neue Rock-Revue, mit der Udo Lindenberg gestern Abend mehr als 13.000 Fans in der prallvollen O2 World begeistert hat.
Es ist kurz nach 20 Uhr, als der Chefnuschler der Nation in die Mehrzweckhalle schwebt. Mit einem pompösen, gut und gern 20 Meter langen Luftschiff rauscht er in die O* World. Er entsteigt mit tatkräftiger Unterstützung seiner Assistentinnen lässig dem Korb. Und eröffnet mit dem treibenden Rock-Kracher „Odyssee“ vom gleichnamigen 1983er-Album ein Spektakel der Extraklasse. Für ein Publikum, das generationsübergreifend gemischt ist. Von Acht bis Achtzig ist alles vertreten und jeder findet ein Stück Musik, an dem er sich festhalten kann.
Das Staunen geht weiter. Kaum einer hätte vor ein paar Jahren ernsthaft erwartet, dass Udo Lindenberg sich auf seine alten Tage berappeln würde. Der anarchische Panik-Präsident und flapsige Rock-'n'-Roll-Romantiker war doch längst Geschichte. Der Mann, der uns Klassiker wie „Daumen im Wind“, „Andrea Doria“, „Honky Tonky Show“, „Cello“ oder „Mädchen aus Ost-Berlin“ geschenkt hatte, inszenierte sich hauptsächlich als Sprücheklopfer, Likörelle-Maler und Dauergast im Hamburger Hotel Atlantic. Und dann erschien 2008 sein 41. Album „Stark wie zwei“ – und der Wind blies plötzlich wieder aus der richtigen Richtung. Endlich. Die folgende Tournee, die ihn im Herbst 2008 auch in die ausverkaufte Max-Schmeling-Halle führte, glich einem Triumphzug. Und wurde ein Erfolg, mit dem er selbst nicht mehr gerechnet hätte. „Ich bin nach dreieinhalb Jahren Entbehrung und Verzicht wieder bei euch“, ruft er zur Begrüßung. „Ich bin in Berlin richtig zu Hause. Und jetzt geht's ab!“
Entwaffnende Zeitlosigkeit
Es kann gut sein, dass manche Kids in der Halle glauben, ein Song wie „Cello“, 1973 entstanden, sei ein Stück des Erfurter Rappers und Sängers Clueso – weil der das Lied vor kurzem gemeinsam mit Lindenberg neu eingesungen hatte. Nun schwebt eine Artistin gelenkig mit einem weißen Cello in luftiger Höhe, als Clueso und Lindenberg das sentimentale Lied im Duett singen. Songs wie dieser treffen in ihrer entwaffnenden Naivität und Zeitlosigkeit und ihrer hemmungslosen Lebensliebe immer noch den Nerv: „Und überhaupt – mit dir, das war so groß, das kann man gar nicht beschreiben“, heißt es da. Genauso fühlt es sich an, wenn Lindenberg, der im Mai 66 Jahre alt wird, in gewohnter gelenkiger Ungelenkigkeit über die Bühne stakst. Wenn er mit dem Publikum plaudert, sich wortreich freut, dass er wieder da ist „bei meinen Experten“.
Der Mann mit Hut und Sonnenbrille kann auf ein Repertoire von satten 700 Liedern zurückgreifen. Aber er weiß, was er seiner Panik-Gemeinde schuldig ist. Natürlich gibt es „Boogie Woogie Mädchen“ (mit Helge Schneider als Stargast am Saxofon), „Leider nur ein Vakuum“ und „Mädchen aus Ost-Berlin“. Natürlich sind politische Statements gegen die Neonazi-Szene dabei, wie „Sie brauchen keinen Führer“. Und natürlich singt er Balladen wie „Gegen die Strömung“ und „Hinterm Horizont“ – beide im Duett mit Josephin Busch, der Hauptdarstellerin des Berliner Lindenberg-Musicals. An diesem Abend entlädt sich ein Platzregen aus Glückshormonen.
Sein langjähriger Bodyguard Eddy Kante, der ihm auf der Bühne den Ingwertee bereitet, begleitet Lindenberg etwa zur Hälfte der Show auf eine kleine Bühne mitten in der Halle. Mitten durchs Publikum. Hände werden geschüttelt. Es gibt Küsschen. Lindenberg singt in intimer Besetzung einige Stücke unplugged, darunter auch „0 Rhesus Negativ“ vom „Votan Wahnwitz“-Album (1975), bei dem ein ausgewachsener Vampir varietéreif einem Sarg entsteigt und den Sänger beißt. Während der Blutsauger artistisch an Gummibändern durch die Nacht fliegt, wird Lindenberg mit viel Sanitäter-Trara wieder Richtung Hauptbühne befördert. Der Technik- und Personaleinsatz bei dieser Breitwand-Produktion ist enorm. Die digitale, bühnenfüllende Leinwand ist von exzellenter Qualität, Licht- und Laser werden opulent eingesetzt, der Sound ist glasklar.
Ja, es ist fast wie in alten Zeiten, als Lindenberg mit seiner Rock-Karawane und reichlich überkandidelten Bühneninszenierungen samt Gästen von Ulla Meinecke über Helen Schneider bis zu Eric Burdon die Hallen füllte. Am Besten in Erinnerung ist die „Dröhnland-Sinfonie“ in der Deutschlandhalle von 1979, die für damalige Verhältnisse von unerhörtem Aufwand begleitet wurde, inszeniert von Peter Zadek. Immer dabei: das Panik-Orchester mit Mitstreitern wie Schlagzeuger Bertram Engel, Keyboarder Jean-Jacques Kravetz oder Bassmann Steffi Stephan. Lindenberg stellt sie als älteste Boyband der Welt vor: „Meine Grufti-Kapelle.“
Legende auf grünen Socken
Natürlich gehört auch jener Song zum Repertoire, mit dem Lindenberg in den 80er-Jahren ein wenig an der Mauer gerüttelt hat (bis zum Lederjacken- und Schalmeien-Tausch mit Honecker): der „Sonderzug nach Pankow“ rattert direkt zu auf die „Andrea Doria“. Und Udo Lindenberg, die Legende auf grünen Socken, genießt sichtlich den neu gewonnen Erfolg und die Nähe zu seinem Publikum. Und dann schwebt der Sänger wieder per Zeppelin aus der Halle davon. Richtung Horizont. Ja, das Staunen geht weiter. Aber nun mit der Gewissheit, dass wir von diesem unvernünftigen Grandseigneur der Rockmusik noch jede Menge erwarten dürfen.
Am Donnerstag kehren Lindenberg und seine Panik-Mannschaft zum Wiederholungskonzert in die O2 World zurück. Das wird frühestens gegen 21 Uhr beginnen. Denn mit Jan Delay hat er zuvor noch einen Auftritt bei der Echo-Verleihung im Palais unterm Funkturm zu absolvieren.
Text: Peter E. Müller