Er spielt im ausverkauften Frankfurter Waldstadion und schart lauter Stars um sich. Ein ganz großer Abend mit Udo Lindenberg und vielen alten, aber aktuellen Titeln.
Manchmal helfen ein paar Statistiken, um deutlich zu machen, dass ein Abend schön war. Udo Lindenberg hat am Samstag vor 45 000 Menschen gespielt. Das heißt, das Frankfurter Waldstadion war ausverkauft. Das ist beachtlich. Viele Musiker, die deutlich jünger sind als der 69-jährige Lindenberg, sind am Versuch, die Arena im Stadtwald komplett zu füllen, gescheitert.
Etwa 0,5 Prozent der Udo-Lindenberg-Fans hatten sich als Udo Lindenberg verkleidet, was ein bisschen nach Karneval aussah, aber erstens sind es nur noch vier Monate hin bis zum 11.11., und außerdem durften die Doubles ziemlich weit vorne stehen. Und einer der ebenfalls recht betagten Herren sang mit dem echten Udo „Andrea Doria“.
Es folgen weitere Zahlen im Schnelldurchlauf. Bis mindestens zehn Prozent der Sitzplatzbesucher standen, dauerte es 15 Minuten (bei „Ich mach’ mein Ding“), es fielen null Milliliter Regen, obwohl Gewitter angekündigt waren (deshalb war das Stadiondach geschlossen, aber ein Heimweg im Regen wäre auch blöd gewesen), und der Caipirinha mit viel zu viel Eis kostete acht Euro (diese Zahl, um zu beweisen, dass auch dieser Abend seine Schwächen hatte).
Den Auftritt von Udo Lindenberg als Konzert zu bezeichnen, griffe zu kurz. Geboten wird eine haargenau drei Stunden dauernde Show, die komplett durchgeplant ist. Von der ersten Minute, als Lindenberg in einer Gondel von der Osttribüne bis zur Bühne auf der anderen Seite des Stadions schwebt. Bis zum Schluss, als es ein kleines Feuerwerk gibt und auf den Videowänden der Abspann mit den Namen aller Beteiligten läuft und ein Autohersteller auf einer LED-Wand über der Bühne darauf hinweist, dass er die Show „gepowered“ habe. Dass trotzdem noch ein paar Fans „Zugabe“ rufen, ist drollig. Die Vorstellung, Lindenberg könne mal eben aus der Umkleidekabine kommen und noch was singen, ist absurd.
Musikalisch bietet der Deutschrocker nicht viel Neues, und das ist durchaus positiv gemeint. Jeder kennt diese Konzerte mit Bands, die ihre beste Zeit in den 80ern hatten, und genau die Lieder aus dieser Zeit will man als Fan hören, aber nein, die Band hat gerade eine neue CD auf den Markt gebracht, und die muss erst gespielt werden vom ersten Lied (das man vielleicht gerade noch kennt) bis zum letzten Stück, und dann endlich kommen die Hits, die man mitsingen kann. Aus diesem Alter ist Lindenberg raus. Er spielt routiniert, was alle kennen und hören wollen. „Hinterm Horizont“ und „Sonderzug nach Pankow“. „Bunte Republik Deutschland“, „Wozu sind Kriege da?“ und „Mädchen aus Ost-Berlin“ (mit Josephin Busch, der Hauptdarstellerin im Lindenberg-Musical, im knallblauen FDJ-Hemd).
Nicht neu, aber doch aktuell
Die politischen Botschaften sind auch nicht neu, aber doch aktuell: Frankfurt muss nazifrei bleiben. Dazu passend: „Sie brauchen keinen Führer.“ Flüchtlinge kommen, um zu bleiben, und nicht, um von Angela Merkel getätschelt zu werden. Dazu: „Komm, wir werden jetzt Freunde“ (doch noch ein neuer Song). Und Deutschland braucht eine Freundschaft mit Russland. Dazu hätte „Moskau“ gepasst, aber das spielt Lindenberg leider nicht. Überraschend ist dafür die Gästeliste. Mit Clueso war ja fast schon zu rechnen. Clueso singt mit Lindenberg die neue Fassung von „Cello“.
Außerdem sind da: die Comedians Helge Schneider und Bülent Ceylan. Und als ein alter Mann die Bühne betritt und mit Lindenberg eine etwas merkwürdige Version von „We gotta get out of this Place“ singt, googlen viele Zuschauer auf ihren Handys, ob der Mann wirklich Eric Burdon ist. Er ist es.
Lindenberg sagt dann noch, dass er den Abend in Frankfurt immer in seiner Seele behalten werde. Das klingt albern, aber zu diesem Zeitpunkt werden schon fast keine Handyvideos mehr gedreht, weil man ja auch noch ein kleines bisschen Speicherplatz braucht. Für die Einschulung der Kinder zum Beispiel. Die Zuschauer gehen dann raus in eine schwüle Nacht. Udo Lindenberg lässt derweil auf seiner Homepage ausrichten, das Konzert sei „nicht von dieser Welt“ gewesen. Auch er schreibt vom Waldstadion und nennt nicht den neuen Namen der Arena. Das macht ihn uns nur noch sympathischer.