Zu seinem 75. Geburtstag sprach MusikWoche mit Udo Lindenberg nicht nur über dessen Pionierarbeit in der deutschsprachigen Rockmusik, sondern auch über politische Entwicklungen angesichts der Corona-Krise.
Zu seinem 75. Geburtstag sprach MusikWoche mit Udo Lindenberg nicht nur über dessen Pionierarbeit in der deutschsprachigen Rockmusik, sondern auch über politische Entwicklungen angesichts der Corona-Krise.
Sie haben bei unserem letzten Gespräch vor fünf Jahren Bazon Brock zitiert, der von der Radikalität des Alters spricht. Sind Sie inzwischen noch radikaler geworden?
Außer von Bazon Brock, einem meiner höchsten Geheimräte, der von Radikalität UND Meisterschaft im Alter sprach, übermittle ich heute die besten Grüße von der neuen K&K- Monarchie (Keine Kompromisse) und von der THINK BIG Konsequenz-Kompanie, der Firma meines Impressarios Roland Balou Temme. Ja, Radikalität und Meisterschaft - das sollte so'n Über-Motto, so'n Ideal sein, wenn man sich irgendwann die Zähne genug wundgebissen hat am Brot der frühen Jahre. Aber all das aus radikaler Ruhe, tiefen Trance und heiterer Entspannung heraus - in Relaxhausen, Hamburg St. Pauli.
Nach dem Echo fürs Lebenswerk 1992 haben Sie so schön formuliert, dass es nach dem Lebenswerk weitergehe. Wie blicken Sie mittlerweile auf das Erreichte zurück?
Gut amüsiert. Beim 1. Lebenswerk Echo in den 1990ern, dachten die anscheinend, er machts nicht mehr so lange, also schnell den Lebenswerk- Eumel. Jaaaahre später nochmal mit Lifetime Award Echo ausgezeichnet, Hinterm Lebenswerk gehts weiter, Ja, ich hielt mich in meiner Anfangszeit eher für einen Sprinter, jetzt ist vorteilhafterweise ein Marathonmann aus mir geworden und ein Ende ist nicht in Sicht. Der Mann von gestern, heute, morgen und übermorgen - alles in einer Person, das ist toll und ne Ehre für alle meine Freunde und den kleinen bescheidenen Udolito Lindo.
Von Atlantic und Telefunken über Polydor, Berlin Records und Sony Music bis zu Warner Music und Dolce Rita haben Sie mit einigen Plattenfirmen gearbeitet. Waren Sie dort zufrieden oder wurden Sie auch schon einmal enttäuscht?
Überall wars spitze, weil überall hat manfrau mich mein Ding machen lassen. Aber immer haben auch alle Beteiligten zu schätzen gewusst, dass die Offenheit fürs andere Argument stets gegeben sein muss und dass am Ende das bessere Argument immer gewinnt - und der Entscheider ist - und nicht die etwaige Eitelkeit eines Einzelnen.
Im Vergleich zu der Zeit, als Sie im Musikgeschäft anfingen, treten Künstler heute selbstbewusster im Umgang mit Labels auf und behalten ihre Rechte im Auge. Gleichzeitig ist Ihnen ein partnerschaftlicher Umgang mit Labels wichtig, oder?
Na klar, als besonders toll hab ich die Zusammenarbeit mit meiner Frauenpower-Firma von meiner Löwin Dolce Rita Flügge-Timm und Komplizin Jenny Belger empfunden, seit 2008 ein wunderbares gemeinsam zaubern gehn und dann die größt¬en Erfolge meiner bisherigen Karriere feiern, whow. Und überhaupt mit Warner, das ist speziell, da hab ich 1971 meinen 1. Plattenvertrag unterschrieben. Meine ersten 17 Alben rausgebracht und jetzt diese Art »Werkschau» 75 Songs aus 50 Jahren Panikologie, unter dem Titel »Udopium«. An dieser Stelle natürlich auch love & chapeau an all meine Freunde von Universal.
Sie haben keinen Manager. Welche Vorteile ergeben sich für Sie daraus?
Schreibt mir keiner irgendwelche ungelegenen Dinger in meinen Kalender rein. (Ich war durchaus mal an Managern interessiert, habe jedoch nie einen besseren und entspannteren gefunden als mich selbst) Über mir soll stets nur der blaue Himmel sein - und keiner, der mir irgendwas erzählt, haha. (Aber of course haben wir unsre bordeigene kleine super secret service allianz:, genial und unverzichtbar: Tine Acke (Visuals) Schwessi Schwabe (Social Nets) Niko Kazal »Die Zarin« (Styling u. Design) Arno Köster (Geheimrat und Udo Lindenberg-Stiftungsmanagement) Franky Bartsch (Panik Archiv) und Peter Lanz (freischwebender Pressekoordinator). plus plus plus. Und einige Expertenflüsterer, die so geheim sind, dass man ihre Namen noch nicht einmal im Selbstgespräch erwähnen darf ... lasst schlaue Köpfe um mich sein ...
Sie haben früh Wert gelegt auf theatralische Live-Inszenierungen. Welche Rolle spielte dabei Fritz Rau? Inwiefern konnten Sie mit Ihren jüngsten, spektakulären Live-Unternehmungen darauf aufbauen?
Ja, klar, war ein langer Lernprozess, hab das immer reizvoll gefunden, meine Texte in visuelle Sensationsbebilderung umzusetzen. Fritz Rau hatte ebenso wie ich großen Spaß daran, Figuren wie Elly Pirelly, Rudi Ratlos, Candy Jane sowie Vampire und sonstige Fabelwesen auf die Bühne zu zaubern. Ein Riesenschritt in der Entwicklung unserer Panik-Revuen brachte Fritz' und meine Zusammenarbeit mit dem phantastischen Theater-Regisseur Peter Zadek (»Dröhnland Symphonie«, 1979). Noch größere Formen und noch gigantischere Inszenierungen gelangen uns dann mit dem begnadeten Show-Regisseur Hannes Rossacher, begleitet von überirdischen Lightshow-Innovationen des Günter Jäckle und unsrem 150 Menschen starken Stadion Show-Team, wo basisdemokratisch von jedem (!) ab und an immer mal wieder noch ne neue Idee eingebracht werden konnte.
Von »Panische Zeiten« über »Super« bis zu »Lindenberg! Mach dein Ding« waren Sie immer am Medium Film interessiert. Wie wichtig ist Ihnen dieser Bereich?
Extreeem wichtig und ich verspüre immense Lust in der Disziplin Spielfilm/ Drama noch ne Menge zu unternehmen. Wenn ich ein Vorbild hätte, wärs wahrscheinlich Marlon Brando, weil er keine Rollen spielt, sondern die Rolle ist.
Und auch die Malerei in Form Ihrer Likörelle scheint Ihnen zunehmend wichtiger zu werden. Was gibt Ihnen die Malerei, was Ihnen die Musik nicht gibt?
In der Meditation, wie in Trance gewissermassen, auch mal ganz allein mit mir selbst (lets go in disch), auch auf die Gefahr, dass du niemandem begegnest, ne , quatsch, wenn du mit der Taschenlampe ganz tief in deine Seele runterleuchtest, entdeckst du Wahnsinnsmotive für die Malerei. - aber ich male auch gern jokige UND politische Bilder. Die Malerei ist auch nur ein anderes Ausdrucksmittel für gesellschafts-politische Udopien, Anstiftungen und Forderungen im Namen jetziger Schnell-Menschen und künftiger Generationen. Meine Malerei soll unter anderem dazu aufrufen, die Politik, die in 100 Jahren eine Selbstverständlichkeit sein wird, jetzt schon zu machen.
Als Sie nach Ihrem ersten, noch englischsprachigen Album anfingen, deutsche Texte zu schreiben, gab es zumindest in der Rockmusik kaum andere Künstler, die das versuchten. Wer hat Sie damals inspiriert - und spielte dabei auch schon die Tradition der Weimarer Republik und ihrer Textdichter eine Rolle, die dann später bei »Hermine« und »Gustav« oder den »Atlantic Affairs« zum Tragen kam?
Nein, die Deutschsprachen Künstler der 20er, 30er Jahre (die aus dem Widerstand gegen die aufziehende Nazi-Katastrophe) hab ich erst später entdeckt. Nein, dass ich angefangen habe, deutsche Texte zur Rockmusik zu schreiben, hatte nur zwei Gründe: 1. Mein Englisch war zu schlecht, viele Sachen konnte ich nich in Englisch ausdrücken und 2. ich wusste, wer so richtig endgeile deutsche Rock-Sprache bringt und auch noch so, dass das lecker aussieht, der hat die besten Karten, Superstar zu werden. Superstar, geiler Beruf, musste ja irgendwas machen, hatte ja nichts »ordentliches« gelernt.
Seit Ihren Anfängen hat Musik aus Deutschland auch international an Gewicht gewonnen. Haben Sie manchmal bedauert, dass Sie wegen der vermeintlichen Sprachbarriere musikalisch im Ausland nicht so viel machen konnten wie etwa die Scorpions, Kraftwerk oder James Last?
Ja, aber das kann ja noch kommen, bin ja noch ein junges Talent.
Ich entsinne mich an eine denkwürdige TV-Runde bei Alfred Biolek, in der Sie sich angeregt mit Udo Jürgens ausgetauscht haben, der ja später auch »Ich lieb dich überhaupt nicht mehr« von Ihnen aufgenommen hat. Sind solche Begegnungen und der stilistische Austausch über Genregrenzen hinweg heute leichter oder sind die kulturellen Gräben noch tiefer geworden?
Nein , es ist seeeehr inspirabel, sich mit den Cracks aus anderen olympischen Disziplinen auszutauschen. Jan Delay, Max Herre, Annette und Inga Humpe, Moses Pelham und Clueso, Alice Cooper, Sting, Bryan Adams, Gentleman, Marteria, Angus & Julia Stone, Jennifer Weist, Nathalie Dorra, Deine Cousine, mit all denen Songs machen, auf die Bühne jumpen - das is immer wieder grosser Kick, jetzt der Mittendrin-Hit mit Jonny Oerding, demnext on Stage mit Apache, Kraftklub oder Juju, dann mal wieder mit Maria Furtwängler, Sezen Aksu, Amre Diab oder dem Düsseldorfer Robert Schumann - Orchester. Der Jumper hat immer den Joker in der Tasche, solange er natürlich sich selber bei aller Diversität eisenhart treu bleibt.
Sehen Sie im kreativen Umgang mit Sprache, wie ihn die heutigen Deutsch-Rapper pflegen, manchmal ihre Pionierarbeit aufscheinen?
Bei den guten allemal, die meisten haben sich mal den Paten-Film reingezogen ...
Sie haben mit Ihren Texten immer wieder gesellschaftliche Debatten aufgegriffen oder gar angestoßen. Heute hingegen hat man den Eindruck, dass Musik nicht mehr den gesellschaftlichen Stellenwert hat und Debatten eher über soziale Medien ausgetragen werden statt über Songtexte. Stimmen Sie dem zu?
Ja, das is bedauerlich, weil man ja Spässchen und Sex und Drugs und Schock n Roll ganz prima mit rebellischer und unangepasster Haltung verbinden kann. Spass is ne tolle Energiequelle und es ist ja eigentlich auch die Aufgabe für junge Leute, die Gesellschaft mit frechen Texten voranzutreiben.
Zudem scheint die Kunstform Musik, die beim Streaming analog zum Wasser um uns fließt und immer zur Verfügung steht (wie David Bowie das einmal für das 21. Jahrhundert zutreffend prognostiziert hat), generell an Wert verloren zu haben. Oder wäre das zu kulturpessimistisch gedacht?
Es gibt erschreckend viele Weichspüler um uns rum. Umso wichtiger ist es, die kreativen Unruhestifter und Sänger mit Ecken und Kanten zu pushen, die, für die Entertainment nicht nur Unterhaltung ist, sondern auch Haltung (auch politische). Wenn ich nur Entertainer wäre, schaurige Vorstellung, was wäre denn das für ein schäbiger armseliger Beruf.
Sie haben bei unserem letzten Gespräch explizit Angela Merkel und ihre Rolle bei der Flüchtlingskrise gelobt. Würden Sie das in Bezug auf ihren Umgang mit der Pandemie und der Einschätzung von Kunst und Kultur als »nicht systemrelevant« immer noch tun?
Nein, wie die Berliner Politik mit der Kultur, mit unserer gesamten Branche umgeht, is ne echte Schande. Viele meiner Kolleg*innen warten heute noch auf die Novemberhilfe und sind kurz vor Hartz 4 oder Suizid. Ein Land ohne Kultur wird zunehmend zu Öd- und zu Blödland!
Einige Künstler haben sich in den vergangenen Monaten in mitunter harten Beiträgen zu Corona geäußert - und dafür nicht minder harte Kritik einstecken müssen. Können Sie das nachvollziehen oder ist es nicht ein Vorrecht des Künstlers, im wahrsten Sinne des Wortes auch einmal zu »spinnen« und starren Konsens oder vermeintliche Alternativlosigkeit aufzubrechen?
Es gibt die Alarmstufe rot, ein Zusammenschluss von tollen Leuten aus der gesamten Veranstaltungsbranche und es gibt viele kleine Initiativen zur Rettung der Clubs und kleinen Bands. Unsere Branche ist halt seeehr bunt und divers, deswegen ist es uns bisher leider nicht gelungen, eine kraftvolle Lobby aufzubauen und als solche in Erscheinung zu treten und erforder¬liche Power zu machen. Es ist schon ein Armutszeugnis, dass die Berliner Politik da nicht von selbst drauf kommt, dass die Kultur der Sauerstoff ist, ohne den die Gesellschaft nicht mehr weiteratmen kann und zum Untergang verurteilt ist. (Aber irgendwann kommt ja genug Impfstoff trotz der aktuellen Regierung).
Wie würden Sie persönlich die Rolle und Aufgabe des Künstlers definieren?
Ein Künstler ist ein Anwalt des gehobenen Proletariats.
Was planen Sie für die Zeit nach Corona? Sind eine Tournee und ein neues Album in Sicht?
Album törnt an, bester Stoff, heißt »UDOPIUM«. Frag deinen Dealer gleich umme Ecke. Die Tour steigt, sobald der gröbste Corona Scheiss vorbei ist. Wie sehr wir die Bühnen vermissen, da is jede noch so heroische Beschreibung eine meilentiefe Untertreibung. Es muss bald wieder losgehen. Wir sind ready steady GO!
Interview: Dietmar Schwenger
Fotos: Tine Acke