Für die Konzertreihe „MTV unplugged“ sang er ohne akustische Verstärkung. Aber warum ist Udo Lindenberg, 65, nie oben ohne zu sehen? BILD am Sonntag sprach mit ihm über den Hut als Schutz für Kopf und Seele
Mit Udo Lindenberg und seinem Hut ist es wie mit Romeo und Julia. Oder Black und Decker: Der eine geht nicht ohne den anderen. Seit nunmehr 30 Jahren ist das so, Ausnahmen gibt es nicht. Udo kann ohne Strom seine Songs singen, wie für die Konzertreihe „MTV Unplugged“ (Album ab 16. September im Handel). Aber ohne Hut kommt kein Ton heraus.
Für das Treffen mit BILD am SONNTAG hat sich der Nuschelrocker einen dunkelbraunen aufgesetzt, unter dessen Krempe die lilagläserne Sonnenbrille fast verschwindet. So kann Udo besser sehen. Unbeobachtet Neulinge beobachten, bevor sie ihn beobachten, sagt er.
Dabei ist sein Hut alles andere als eine Tarnkappe. Eine Umfrage hat ergeben: 90 Prozent der Deutschen kennen Lindenberg; Gottschalk und Jauch sind nicht so bekannt.
In der Lobby des Hamburger Hotels „Atlantic“ kennen ihn alle, aber niemand hat ihn in den 17 Jahren, in denen er hier wohnt, je oben ohne gesehen. Warum, Udo? „Weil ich manchmal auch ’nen Tick Intimsphäre haben will. Weil es Situationen gibt, da bin ich gerne mal mit mir selbst unterwegs. Grübel, grübel, in Gedanken Texte machen.“ Der Hut als Schutzhelm für die Seele. Und als Gedankenblitzfänger.
Aber wie kam Udo auf den Hut? Er nippt an seinem zuckerfreien Red Bull und nuschelt los. „Anfang der 80er, als ich den Film ‚Hau rein‘ gemacht hab. Da spielte ich einen Privatdetektiv, der ständig einen Hut trägt. Da hab ich mich halt dran gewöhnt.“ Schöner ist aber die Geschichte aus dem Bereich „Mythen mit Hüten“. Die spielt sich in den frühen Achtzigern ab und geht so: Eine Brasilianerin soll im Eifersuchtsrausch mit einem Messer an seine Kopfhaut gegangen sein. Außer als Seelenschutzhelm, Tarnkappe und Gedankenfänger kann der Hut also auch ein Pflaster sein. Wie viele Hüte hat Udo im Schrank?
Es müssen an die 450 sein, schätzt er. Vielleicht sind’s auch hundert mehr. Hergestellt werden sie jedenfalls von der 200 Jahre alten Hutmanufaktur Mayser, gekauft, seit jeher, bei Falkenhagen in Hamburg oder Worth & Worth auf der New Yorker Madison Avenue. Wie sieht Udos Ober-Hut aus? „Größe 57, alte Stetson-Form. Halb Detektiv, halb Mafia.“ Für 120 Euro kann jeder udomäßig unterwegs sein. Aber Geld ersetzt keine Gefühle; und die hat Udo für seinen Stetson. Er nennt ihn „The Open Road“, und die weite Straße soll auch seinen bisherigen Lebensweg beschreiben, seine Gedankengänge. „Er ist mein Glückshut, er hat mich um die ganze Welt begleitet.“
Hut ab! – heißt es nur vorm Duschen oder im Schlafzimmer. Ein Hut ist also alles für Udo Lindenberg, aber keine Schlafmütze. Und mit Hut ab sieht ihn nur seine Freundin Tine Acke, 34. Höchstwahrscheinlich auch seine Musiker und sein Bodyguard Eddi Kante. Ich, die Reporterin, nicht. Dafür hätten wir noch nicht genug Eierlikörchen miteinander getrunken. Aber ich darf einen Udo-Hut aufsetzen und die nächstliegende aller naheliegenden Fragen stellen: Wie sieht es denn unterm Hut aus? „Du musst wissen, ich hab unheimlich schöne, sensible Haare, die sich sehr weich anfühlen. Keine Silberschläfe, keine Farbe.“
Udo Lindenberg. Innen gut, außen mit Hut.
Text: Nicola Pohl