Udo feiert Udo, wie er swingt und kracht: Der nimmermüde über die Bühne hastende Rockopa ist der Motor der Deutschrockmaschine, der so viele entdeckt und gefördert hat. Auch beim Tourfinale in Frankfurt blieb er nicht allein auf der Bühne.
Udo ist tot, die Queen macht winke, winke auf dem Römerberg, und der Mann mit dem Hut macht konsequent sein Ding. Aber nicht allein. „Ich mach mein Ding“, brüllt die Masse seiner mühseligen und beladenen Fans im Chor mit dem Meister, dabei ist Udo Lindenberg, deutschsprachmächtigster Rocker der Nation und „Panikpräsident“ von eigenen Gnaden, an diesem Samstagabend in Frankfurt tatsächlich der Einzige weit und breit, der genau sein Ding macht. Nach sage und schreibe dreiunddreißig Alben erreichte Deutschlands berühmtester Hutträger und Hotelinsasse mit seinem Album „Stark wie zwei“ von 2008, auf dem das „Ding“ enthalten ist, zum ersten Mal Platz eins der deutschen Albumcharts; seitdem ist der Panikrocker Udo Lindenberg, längst Markenzeichen seiner selbst, Deutschlands integerster und integrativster Rocker.
Er hatte und hat sie alle und seine Fans schon mit den ersten Songs („Odyssee“, „Die Heizer kommen“, „Boogie-Woogie-Mädchen“) in der Tasche. Dass er sich als Aufwärmer und Einheizer ausgerechnet Bülent Ceylan geholt hat, Deutschland dümmsten Komiker, ist da längst vergessen. Die Prolegomena seines Frankfurter Stadionabends sind schnell abgehandelt. „Wassfürngigantischaempfang“, nuschelt er ins fast ausverkaufte vormalige Waldstadion und feiert Frankfurt als „die Panik-Hauptstadt“. Nach Hannover und Berlin war es die letzte Station seiner nur drei Konzerte umfassenden sommerlichen Stadiontournee. Für Sekunden schwelgt der bald Siebzigjährige in Erinnerungen: „Cooky’s, Batschkapp, Jazzkeller, Albert Mangelsdorff, Free und natürlich die erste große Rock-Revue damals in der Festhalle.“ Ja, das waren noch Zeiten, aber Lindenberg trauert ihnen nicht nach, er macht einfach weiter. Nämlich sein Ding. Schließlich ist er in Frankfurt: „Goethe, Adorno, Marcuse – und natürlich der Erfinder vom Äppelwoi, Joschka Fischer.“
Damit sind die Koordinaten gesetzt, und Kant, der Erfinder des „Dings an sich“, schwingt deutlich hörbar mittenmang. Doch so wie Kants Ding, Hegel zufolge, „jenseits des Denkens“ bleibt, so funktioniert ein Lindenberg-Konzert jenseits der Musik. Die rumpelt brav irgendwo zwischen Goodtime-, Power- und Balladenrock, und Lindenbergs Panik-Orchester („seit 150 Jahren betreutes Rocken“) liefert das so solide wie unauffällig und gleicht damit ganz auffällig dem Publikum. Denn hier tobt ein Volksfest im allerbesten Sinne. Von acht bis achtzig ist alles da, Kinder an Elternhänden, Greisinnen an Stöcken, alles schlendert oder schleppt sich durch den Frankfurter Stadtwald zur Audienz beim Gottvater des Deutschrock.
Etliche Fans tragen Hut und Sonnenbrille, sie nennen sich „Udonauten“ und verehren den Mann, der ihnen seit mehr als vierzig Jahren, seit 1972 seine Langspielplatte „Daumen im Wind“ erschienen ist, mehr oder weniger rockige Unterhaltungsmusik mit meist sehr launigen und oft sogar originellen Texten vorsetzt. Keiner setzt Worte wie Lindenberg, und bis heute, fast fünfzig Jahre nach Karrierebeginn, ist der Wahlhamburger aus Gronau allgegenwärtig: Jeden Sonntag um Viertel nach acht trommelt er Deutschlands Krimigemeinde zusammen, denn schon bei Klaus Doldingers Einspielung der „Tatort“-Titelmelodie von 1970 drosch er das Schlagzeug.
Das war treibender, ambitionierter Jazzrock. Und während er mit Gefälligerem Charts und Fans eroberte, frönte er auch immer deutlich hörbar seinen Leidenschaften: etwa den Chansons der Zwanziger von Hollaender bis Weill und Brecht. Er machte immer sein Ding, egal, was die anderen sagten. Wenn sich irgendjemand um die deutschsprachige Musik des zwanzigsten Jahrhunderts verdient gemacht hat, dann dieser humanistische, pazifistische Deutschrocker, der sich nie zu Peinlichkeiten wie „Freiheit“ (Müller-Westernhagen) oder „Mensch“ (Grönemeyer) hinreißen ließ.
Seit Peter Zadek ihm 1979 für eine „Rock-Revue“ ein dreistündiges Panikprogramm zusammenbastelte, einen kunterbunten Abend mit Kostümen, Theater und Gastauftritten von Freunden, seitdem hat Lindenberg Gefallen an der Riesengeste gefunden. Schon damals ließ er den großen Eric Burdon aus der Kulisse kullern und sang mit ihm im Duett, dass man diesen Platz hier jetzt aber wirklich verlassen müsse. Sechsunddreißig Jahre später machen sie das in Frankfurt noch immer, und Burdon, der im Gegensatz zu Lindenberg tatsächlich Rockgeschichte geschrieben und gesungen hat, macht mit einem einzigen Aufschrei klar, was eine wirkliche Rockstimme ist.
Doch darauf kommt es bei Lindenberg nicht an. Während er sein Greatest-Hits-Programm abspielt, „Andrea Doria“ nuschelt und nölt, den „Sonderzug nach Pankow“ kreischt und quiekt und gemeinsam mit einem Kinderchor „Wozu sind Kriege da“ singt und häufiger „Yeah!“ ruft als als alle Beatles jemals zusammen, holt er pausenlos Freunde, Kollegen und Weggefährten auf die Bühne: Clueso, der abgebrochene Friseurlehrling aus Erfurt, darf ihn bei „Cello“ begleiten. Helge Schneider singt mit ihm „Der Greis ist heiß“, assistiert von Rollatoren-Rockern und tanzenden Krankenschwestern. Die Stadion-Party, die Lindenberg seinen Fans versprochen hat, steigt und kocht und geht ab. Der nimmermüde über die Bühne hastende Rockopa ist der Motor dieser größten noch laufenden Deutschrockmaschine, er ist der große Integrator, der so viele entdeckt, gefördert und in sein Boot geholt hat. Am Ende des dreistündigen Programms tummeln sich fast fünfzig Leutchen auf der Bühne, tanzen kleine, zappelnde Lindenbergs zwischen hampelnden Eisbären, Ufos fliegen ein und seilen Außerirdische ab, riesige Sexpuppen plustern sich auf, das Orchester wächst und bläst und gedeiht. Udo feiert Udo, wie er swingt und kracht.
In diesem Sommer, in dem jeder sein Ding macht, sollte man schauen, dass man diese Dinge noch mal sieht, bevor sie vergehen. Ein Udo hat uns bereits für immer verlassen. Einmal wenigstens die Queen sehn! Und einmal Lindenberg!
„Wir sehn uns ganz bald wieder“, droht der Behütete, und man kann ihm nur wünschen, diese Drohung noch so oft wie möglich wahr werden zu lassen. Dann steigt der oberste Udonaut in einen weißen Raumanzug, um unter Blitzen, Donner und infernalischem Lärm zu entschweben. Dorthin, von wo er zu Konzertbeginn gekommen war: von ganz oben.
Text: Oliver Maria Schmitt