15. Juni 2017 Wie war's bei...Udo Lindenberg in Freiburg?

Der Altmeister des Deutschrock enterte am Mittwochabend die Bühne der Sick-Arena und lieferte mit seinen 71 Jahren vor 10.000 Menschen eine beeindruckende Show ab.

Der erste Eindruck

Schlange! Im Voraus baten die Veranstalter bereits darum, man solle am besten schon zwei Stunden vorher da sein, wegen der verschärften Kontrollen, und zwar nur mit leichtem Gepäck – maximale Taschengröße DIN A4. Auf der langen Liste mit Dingen, deren Mitnahme und Gebrauch strikt untersagt war, befanden sich auch, und das machte dann doch eher Schmunzeln, Waffen und Tiere. Aber auch wenn sie ohne Messer und Maulesel aufmarschieren, ist der Bodycheck von 10 500 Menschen, wie sie vor der ausverkauften Freiburger Messe anstehen, eine zeitraubende Angelegenheit. Aber die Laune ist schon draußen prächtig. Umso mehr, als dann mit zehnminütiger Verspätung, weil immer noch Fans am Einlass warteten, der Altmeister des Deutschrock – im Mai wurde er 71 – endlich die Bühne entert. Nein, einschwebt vom Saalhimmel, während vorne auf der Leinwand ein Unwetter tobt und ein Dampfer mit schwerer See kämpft.

Die Set-List

20 Songs und dann noch einmal acht Zugaben: Odyssee, Einer muss den Job ja machen, Mein Ding, Cello, Ich lieb’ dich überhaupt nicht mehr, Durch die schweren Zeiten, Plan B, Rock ’n’ Roller, Wozu sind Kriege da, Straßenfieber, Sie brauchen keinen Führer, Gegen die Strömung, Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n, Bunte Republik Deutschland, Stärker als die Zeit, Das Leben, Sternenreise, Gerhard Gösebrecht, Honky Tonk Show, Horizont, Bis ans Ende der Welt, Jonny Controlletti, Sonderzug nach Pankow, Alles klar auf der Andrea Doria, Candy Jane, Reeperbahn, Eldorado, Ich schwöre, Woddy Woddy Wodka.

Die Show

Ist von Anfang an ziemlich megamäßig und lässt in keiner Sekunde den Gedanken aufkommen, dass da ein Mann im besten Rentenalter auf der Bühne steht, der eine Generation älter ist als zwei Drittel seines Publikums. Nicht wenige könnten sogar seine Enkel sein. Riesenleinwand mit verschiedenen Bildebenen, Lichtshow mit holographischen Effekten, Pyrotechnik, Nebelschwaden, einfliegende Ufos, Tänzer, exzellente Musiker: Der Panikrocker weiß sehr wohl, dass sein Publikum nicht nur seine Songs hören und seine Aura abgreifen, sondern auch was fürs Auge geboten bekommen will. Und dass ein Udo-Lindenberg-Konzert mehr sein muss als eine One-Man-Show.

Die Band

Das Panikorchester, Lindenbergs Wahlfamilie, sorgt für einen mal krachenden, mal bluesigen Rock: Pianist Jean-Jacques Kravetz, Keyboarder Hendrik Schaper, Schlagzeuger Bertram Engel, die Gitarristen Jörg Sander und Hannes Bauer sowie Bassist Steffi Stephan, der einzige, der schon bei der Gründung und im ersten Konzert der Band im August 1973 dabei war. Aber es sind noch jede Menge mehr Leute auf der Bühne in der Freiburger Sick-Arena: Sängerinnen, Bläser, der Kinderchor, der die Friedenshymne " Wozu sind Kriege da?" singt. Unter den Tourmusikern seien zwei noch besonders erwähnt: Carola Kretschmer an der Gitarre, die die Ballade "Leben" zu einem Highlight machte, und Daniel Wirtz, der dem Panikrocker mit dem Falco-Cover "Rock me AmaUDO" huldigt.

Die Stimmung

Euphorisch. Was nicht nur daran liegt, dass man seinen Udo und alle seine Songs kennt. Oder dass der Mix aus gefühlvollen Balladen und fetzigen Nummern sorgfältig durchchoreografiert ist. Sondern auch an der Selbstvergewisserung, die so ein Konzertbesuch bedeutet. Vergewisserung der eigenen Geschichte und der eigenen politischen Haltung. Und da lässt Lindenberg das antifaschistische Herz höher schlagen: wenn zum Song BRD auf der Leinwand der Schriftzug Bunte Republik Freiburg leuchtet, wenn Lindenberg Donald Trump einen Schwachmaten nennt oder ein flammendes Bekenntnis Pro Europa ablegt, wenn Politiker der neuen europäischen Rechten mit ein paar Papphütchen gezeigt werden, gefährliche Clowns allesamt.

Die Stimme

War ja mal ziemlich abgesoffen zwischendurch, eigentlich für eine ganze Zeit, untergegangen nicht lange nach der Bonner Republik. Jetzt ist sie aber wieder da, näselnd wie immer, vitaler denn je. Im Lauf des Abends scheint sie tatsächlich dunkler zu werden, ob's am ostentativen Gurgeln mit Eierlikör liegt, sei dahingestellt. Und wenn sie mal brüchig klingt, dann ist das eher Melancholie und Abgesang auf ein langes, wildes Leben. Das freilich richtig aufblüht, seit Udo auf seinen Body achtet und die Nächte (seit Jahrzehnten steht er abends auf und geht morgens ins Bett) nicht nur zum Saufen nutzt, sondern auch zum Laufen. Gut, wenn er tatsächlich 100 wird, wie er es vorhat, dann möchte man seine Stimme nicht mehr unbedingt hören. Die alten Aufnahmen seiner Songs aber schon.

Was bleibt

Nach 140 Minuten schieben sich 10 000 glückliche Wesen hinaus in die Nacht, froh, Udo Lindenberg erlebt zu haben, erstmals oder nochmal, vielleicht ja zum letzten Mal. Denn mit nicht wenigen seiner Songs könnte man einen Nachruf auf ihn beginnen, irgendwann. Das Ansingen gegen die eigene Vergänglichkeit ist Lindenbergs Feier des Lebens. So hochtrabend würde er sich natürlich nicht ausdrücken. Eher davon reden, dass er weiter sein Ding macht. Und das dürfte er noch eine ganze Weile tun, der älteste, ja einzige deutsche Rockstar. Also keine Panik.

Text: Gabriele Schoder
Fotos: Tine Acke