20. Januar 2007 Zuckmayer-Medaille für «einen herausragenden Lyriker»

Von Dorit Koch, 17.01.2007

Hamburg/Mainz/dpa. Wenn es um sein Werk geht, gibt sich Rockstar...

Von Dorit Koch, 17.01.2007

Hamburg/Mainz/dpa. Wenn es um sein Werk geht, gibt sich Rockstar Udo Lindenberg (60) selten bescheiden. Dafür hat der «Junge von der Straße», wie er sich selbst nennt, zu hart an seiner Karriere gearbeitet - und zu viel erreicht. Seit drei Jahrzehnten gehört der in Hamburg lebende Künstler zu Deutschlands populärsten Musikern, landete Hits, sammelte Goldene Schallplatten und heimste Preise ein. Dass ihm das Land Rheinland-Pfalz nun aber am Donnerstag (18. Januar) im Mainzer Staatstheater die Carl-Zuckmayer-Medaille verleiht, ist selbst für den Pionier der deutschsprachigen Rockmusik eine kleine Überraschung. «Immerhin mein erster Literaturpreis», sagt er stolz.

Der prominente Hutträger und Dauergast des Hotels «Atlantic» an der Hamburger Außenalster kann sich noch gut an die Geburtsstunde des «Lindiismus» erinnern. «Als ich früher, leicht schwindelig, im "Onkel Pö" oder sonstigen Kneipen meine Sprüche auf irgendwelche Bierdeckel kritzelte, hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mit so etwas später mal in die heiligen Hallen der Lyrik reingerate», gesteht er. Damals - das war Anfang der 70er Jahre, als der Installateurssohn aus dem westfälischen Gronau an die Elbe kam und seine Karriere wie am Reißbrett entwarf. Der Schlagzeuger, den es ins Scheinwerferlicht zog, wusste genau, wie er als Rockstar auszusehen hatte.

Singen konnte er nicht, also erfand Udo seinen Sprechgesang. Vor allem aber war ihm - nach anfänglichen Versuchen auf Englisch - bald klar, dass er deutsch singen würde. Eine Revolution, denn bis dahin verband man mit der deutschen Sprache hauptsächlich Schlager-, aber keine Rockmusik. Noch dazu entstanden und entstehen die Texte des Musikers aus den «Korrespondenzen mit der Straße», wie er erklärt. «Ich habe die Sprache benutzt, die auf der Straße und in den Kneipen wirklich gesprochen wird», sagt er. «Oft ist es auch die Eingebung des "highligen Geistes", manchmal ist es das nasse Gold, das ich aus den promilligen Tiefen der Erleuchtung hebe.»

«Alles klar auf der Andrea Doria» und «keine Panik auf der Titanic» dröhnte es plötzlich aus den Radios. Dass sich Lindenberg entgegen dem allgemeinen Trend für die deutsche Sprache entschieden hat, würdigt auch Ministerpräsident Beck. «Sein Deutsch-Rock hat vielen Künstlern Mut gemacht, ebenfalls in ihrer Muttersprache aufzutreten», meint der Politiker. Noch heute unterstützt der Rockstar junge Musikerkollegen und sieht darin «einen Hauptauftrag». «Ich bin gegen die blassen Massen, will lieber die derben Krassen», sagt «El Panico» und freut sich über Erfolge wie von Silbermond oder Jan Delay - «wie geil, dass die alle deutsch singen».

Preisträger wie Friedrich Dürrenmatt oder Martin Walser erhielten die Medaille zu Ehren des Schriftstellers Zuckmayer (1896-1977). Lindenberg selbst bewundert seit langem den Dichter Hermann Hesse (1877-1962). «Er ist der Meister des Eigensinns, der Abkehrer von Lehren und Lehrern und ruft auf zum ureigenen Weg des Individuums», erklärt er. Erst kürzlich gründete er eine Stiftung (www.udo- lindenberg-stiftung.de), damit Hesses Texte in Songs verarbeitet werden. «Hesse war mir auf dem Weg der Selbstfindung der größte Inspirator und Mutmacher», erzählt der 60-Jährige und empfiehlt dem Musikernachwuchs: «Wenn Deine Finger alle Griffe an der Gitarre draufhaben, kreiere sofort Deinen unverwechselbaren Geheim-Stil.»

Von Jens Frederiksen, 19.01.2007

Als im Dezember bekannt wurde, dass das Land Rheinland-Pfalz die Carl Zuckmayer-Medaille 2007 an den Deutschrocker Udo Lindenberg verleihen würde, und zwar für seine "Verdienste um die deutsche Sprache", war unter Literaturfreunden die gerümpfte Nase nachgerade Pflicht.

Die Preisverleihung gestern Abend im Mainzer Theater jedoch strafte alle Skeptiker Lügen: Lindenberg kündete in einer lässig herausgenäselten Ansprache von seiner Ankunft "zwischen Zuckmayer und Brecht" und krönte sein Dankeschön durch ein mitreißendes, rund halbstündiges Konzert.

Lindenberg vor großen Bildern von Zuckmayer, Marlene Dietrich und Hermann Hesse: Mit "Stars, die niemals untergehen" stieg er aus seiner Revue "Atlantic Affairs" in sein Set ein - und baute über die von ihm verehrte Marlene und ihren Film "Der blaue Engel" die Brücke zu Carl Zuckmayer. Der hatte schließlich 1930 das Drehbuch zu Josef von Sternbergs Kino-Version des Heinrich Mann-Romans "Professor Unrat" geschrieben.

Nach dieser Verbeugung vor dem Namensgeber des ersten Literaturpreises seiner Karriere arbeitete sich der selbsternannte "König von Scheiß-Egalien" zu einer Auswahl seiner großen Hits vor.

Danach ergriff Ministerpräsident Kurt Beck das Wort, wollte in Zuckmayer wie Lindenberg Poeten erkannt haben, die es "in hervorragender Weise" verstanden hätten, "dem Volk aufs Maul zu schauen". Und er zitierte den Konzertveranstalter Fritz Rau, der Lindenberg einen "Mittler zwischen der Straßensprache des Rock und der deutschen Literatur" genannt hat.

In seiner Laudatio reichte Ästhetik-Professor Bazon Brock dem Werk des Zuckmayer-Preisträgers mit respektgebietenden Wortschleifen die Verbeugung des Akademikers nach.

Foto: Tine Acke

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