Vor 9000 Fans unterstreicht Udo Lindenberg seine Ausnahmestellung im deutschen Rockzirkus
Vom Himmel fiel er direkt auf ein Doppelkornfeld, hat Udo Lindenberg 1981 in dem Lied „Mit dem Sakko nach Monakko“ auf dem Album „Udopia“ gesungen. Als seine Schnodderigkeit der Erste 27 Jahre später sein überzeugendes Comeback in Erfurt zelebriert, kommt er ebenfalls von oben. Wie ein Astronaut im weißen Raumfahrer-Anzug, schwebt er am Mittwochabend ein in die Messehalle. Der raketenhafte Feuerschweif der Pyrotechnik und ohrenbetäubender Jubel der 9000 Fans begleiten ihn.
Und gleich sein erstes Lied beamt die Fans in Udos Welt. Denn der Treibstoff des besungenen Astronauten „Woddy Woddy Wodka“ ist nichts anders als Alkohol, und die Zielgalaxie heißt Rausch. Lindenberg hat sich im Lauf der Jahre viele Alter Ego zugelegt. Mit Woddy Wodka, der „zischt immer der NASA nach“, macht uns sein neuestes Album „Stark wie zwei“ bekannt. Herr Astronaut, willkommen im Club.
Derweil wünschen hunderte Fans, sie könnten auch mal eben abheben. All die nämlich, die draußen immer noch im Stau stehen. Schon auf der Autobahn A 71, drei Kilometer vor der Abfahrt Bindersleben, geht zeitweise nichts mehr. Von einer Lenkung der Autoströme, einer Anpassung der Ampeltakte kann keine Rede sein. Das Verkehrskonzept der Messe heißt offenbar: Macht euer Ding. Und so strömt das Publikum noch immer in die Halle, als Lindenberg davon singt, wie er diesen Rat beherzigt und auch eben nichts anderes macht als sein „Ding“.
Wäre Lindenberg nicht so mitreißend, es hätte vielen kräftig die Laune verhagelt. Aber keine Panik: Udo hat die Massen vom Beginn an im Griff. Er hat sich, assistiert von seinen Sängerinnen, aus dem Raumanzug geschält. Nebenbei: Die Sonnenbrille passte selbstverständlich unter den Helm. Da hält es Udo mit Egon Olsen. Dessen Zigarre kam ja auch stets wieder zum Vorschein, als ihm Bennie und Kjeld den vom „dummen Schwein“ verpassten Knebel entfernten.
Und wie Egon Olsen den Franz-Jäger-Tresoren verpflichtet bleibt, so bleibt Udo thematisch allem zwischen Himmel und Alkohol verpflichtet. Er pflegt den Austausch mit dem Herrn („Interview mit Gott“), bejaht die Existenz des Jenseits („Hinterm Horizont geht‘s weiter“ in der Homage an seine an einer Überdosis gestorbenen Wegbegleiterin Gabi Blitz), tanzt Tango mit „Lady Whisky“, beklagt sein Schicksal „Unterm Säufermond“. Halbvoll gibt es bei ihm genauso wenig wie halbleer: Der Mann kostet sein Leben aus bis zum letzten Tropfen. Auch in Sachen Liebe: Klassiker wie „Cello“ oder „Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr“ kann keiner schreiben, der das Gefühl innerer Zerrissenheit nicht kennt, keine Täler durchschritten hat. Lindenberg, das demonstriert er eindrucksvoll, ist immer noch einer der wichtigsten deutschen Rockmusiker überhaupt. Und ein überaus engagierter sowie sensibler Künstler obendrein.
Mit seinem schnodderigem Habitus überspielt er manchmal diese Genialität. Die Stimme und seine charakteristische Redeweise sind oft Zielscheibe von Parodie und Persiflage, auch unters Erfurter Publikum mischen sich Dutzende Fans mit Hut und Sonnenbrille. Doch Udo Lindenberg ist viel mehr als die Summe seiner Markenzeichen.
Sein Hut scheint ihm angewachsen. Die dunkle Sonnenbrille aber nimmt er immer ab, wenn es sentimental wird. Also ziemlich oft. Darunter kommen tief liegende Augen zum Vorschein, um die er mit Kajal-Stift einen schwarzen Rand gemalt hat. Das ist der Blues, wie ihn ein gut aufgelegter, überaus redseliger und agiler Lindenberg lebt: Für selbst auferlegte Depression ist das Leben viel zu beschissen. Naja, und auch etwas zu kurz.
Diese Stimmung zaubert Lindenbergs Panikorchester wahrscheinlich auch noch im Schlaf auf die Bühne. Mal zelebriert es die Gänsehaut, mal geht es vorwärts im Vierviertel-Takt. Die drei Background-Sängerinnen haben soviel Sexappeal, dass es selbst im Technokraten-Bauwerk Messehalle funktioniert. Und zu allem kommt Lindenbergs spezielle Beziehung zu Ostdeutschland und der DDR. Ausgelebt in zahlreichen Liedern wie „Mädchen aus Ost-Berlin“ und dem „Sonderzug nach Pankow“.
Das sind keine Lippenbekenntnisse. Lindenberg weiß von den Erfurter „Willy“-Rufen beim Brandtbesuch, er weiß auch, dass es Erfurt war, wo er bei „Wetten dass..?“ auftrat und sein fulminantes Comeback startete. „Wenn du durchhängst“ heißt die Single, die ihn zurück ins Rampenlicht katapultierte. Wenn Durchhänger zu so etwas führen wie diesem Konzert, kann uns davor eigentlich nicht Bange sein.
Fotos: Tine Acke