Rund 600 Kostüme und 150 Haarteile: Mit Routine, Elan und großer Ausstattung machen die Veranstalter ihre Udo-Lindenberg-Show "Hinterm Horizont" allabendlich zum Publikums-Hit
10:10: "Wir hören hier zwölf Stunden am Tag das Herz des Theaters pochen", sagt Karola Menger aus dem Betriebsbüro. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Yvonne Reetz freut sie sich, dass in diesem Jahr nur wenige Ensemble-Mitglieder an Erkältung erkrankt sind. Jede Infektion der Atemwege führt zu einem Gesangsverbot für die Musical-Darsteller. Fällt jemand aus, müssen die Mitarbeiterinnen des Betriebsbüros so lange umstellen, bis alle Rollen wieder ausgefüllt sind. Ansonsten schreiben die Kolleginnen Verträge, erledigen die Korrespondenz und nehmen bis in die späten Abendstunden Anrufe entgegen.
11:00: Linda Treude, Leiterin der Maskenwerkstatt, und ihre Stellvertreterin Uta Müller fertigen Perücken. Mit langen Nadeln, an deren Ende sich eine Art Mini-Häkelhaken befindet, ziehen die Maskenbildnerinnen Haare durch ein Netz. Es ist ein Arbeit für Menschen mit Fingerspitzengefühl, guten Augen und viel Geduld. Pro Perücke brauchen die Profis etwa 40 Stunden. Alleine 150 Udo-Perücken sind in der Maskenwerkstatt untergebracht. An diesem Tag werden Langhaar-Perücken für eine neue Darstellerin geknüpft. "Sie ist ein 'Swing' und braucht insgesamt 14 Perücken", erklärt Linda Treude. Swing nennt man Darsteller, die verschiedene Rollen tanzen und singen und immer dann einspringen können, wenn ein anderes Ensemble-Mitglied ausfällt.
11:23: Die ersten Ensemble-Mitglieder treffen im Haus ein und holen sich in der Kantine einen Kaffee oder eine Flasche mit stillem Wasser. Dann geht es in die Probe. Küchenchef Florian Schönherr ist mitten in der Vorbereitung des Mittagessens. Als warme Speisen wird es eine Lauchcremesuppe geben, Schupfnudeln, einen Gratin, verschiedene Gemüse-Sorten, Putenfleisch und Schnitzel. "Unsere Bühnenarbeiter sind richtig kräftige Jungs. Die wollen mittags ein Stück Fleisch auf dem Teller haben", sagt der Koch. Ganz anders die Musical-Darsteller. Die greifen eher am Salatbuffet zu.
15:05: Soundcheck. Clenci Mendez kontrolliert Mikrofone und die Lautsprecher auf der Bühne. "Während der Probenzeit dauert es jedes Mal mindestens vier Wochen, bis wir mit dem Sound zufrieden sind", berichtet der Tontechniker. "Hinterm Horizont" sei dabei eine besondere Herausforderung. "Es ist laut und rockig, was sehr ungewöhnlich für ein Musical ist", sagt der Tontechniker. "Ist der Sound zu leise, kommt kein Rock'n'Roll Flair auf. Ist es aber zu laut, hagelt es anschließend Publikums-Beschwerden."
16:48: In der Maske wird jetzt Hauptdarsteller Serkan Kaya in den jungen Udo Lindenberg verwandelt. Solange man seine dichten, kurzen Haare sieht, sind kaum Ähnlichkeiten mit dem Rockstar zu erkennen. Erst als ihm die Perücke aufgesetzt wird und sein Haaransatz viele Zentimeter nach hinten rutscht, erkennt man den Udo in Serkan.
17:15: Michael Delhaye betritt die Band-Box, einen schmuck- und fensterlosen Raum, in dem die Musiker während der Show aufspielen. Der künstlerische Leiter setzt die Kopfhörer auf und schlägt die Tasten eines Keyboards an. Auf einem Monitor überprüft er den Klang von "Mädchen aus Ostberlin", einem Song, den in diesem Moment niemand außer ihm hören kann.
17:54: "Gitarren statt Knarren" heißt die Szene, die Dance Captain Nolan José gemeinsam Tänzern probt. Auf der linken Seite marschieren Soldaten-Darsteller mit Holzgewehren, auf der rechten Seite recken die Tänzer Gitarren-Attrappen in die Luft. Später wirbeln alle durcheinander. "Die Szene ist sehr schnell. Die Gitarren und die Gewehre machen sie zusätzlich schwierig, weil man schnell zusammenstößt", sagt der Tänzer, der sämtliche männlichen Rollen beherrscht. Eine ganz wichtige Aufgabe des Dance Captains ist es, dafür zu sorgen, "dass die Choreographie frisch bleibt", sagt José. Sonst schleichen sich nach einigen Monaten Routine und unweigerlich auch Fehler ein.
18:18: Funktioniert der "Eiserne Vorhang"? Das ist die wichtigste Frage, die die Feuerwehrleute Ulrich Lindert und Detlef Klemke vor der Vorführung klären müssen. Der "Eiserne Vorhang" ist eine Schutzvorrichtung, die heruntergelassen wird, wenn hinter der Bühne ein Brand ausbricht. So wird verhindert, dass das Feuer auf den Zuschauerraum übergreifen kann. Die beiden Männer sind Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und erledigen ihren Dienst im Auftrag einer Sicherheitsfirma. Der "Eiserne Vorhang" schnurrt zum Test schnell und unaufhaltsam nach unten. Ulrich Lindert und Detlef Klemke nicken zufrieden.
18:50: Von Monitoren umgeben sitzt die Bühnenmanagerin Marija Vahldik in der Call-Box, einem kleinen Raum hinter den Zuschauerreihen im Parkett. Sie überwacht den Ablauf der Show. Auf den Bildschirmen kann die studierte Theatertechnikerin die Bühne betrachten, das Geschehen dahinter, aber auch das Foyer. Kurz vor Showbeginn macht sie den letzten Aufruf: "Beginn des ersten Aktes. Die Damen und Herren der Band bitte Platz nehmen. Alle Beteiligten bitte in Position zu Beginn des ersten Aktes. Danke".
18:51: Die lauten Stimmen und schnellen Schritte, die den ganzen Tag über zu hören waren, sind verstummt. Hinter der Bühne herrscht konzentrierte Anspannung. Die Hauptdarsteller Serkan Kaya und Josephin Busch gehen durch den Bühneneingang.
20:30: Pause. Für Pascal Wetzel beginnt die hektischste halbe Stunde des Tages. Im Sekundentakt schiebt der Barkeeper am Tresen im ersten Stock Gläser, Bionade-Flaschen und vorbereitete Cocktails über den Tresen.
21:15: Susanne Schulz ist eine von vier Garderobieren. Hinter der Bühne sorgen sie dafür, dass die 34 Ensemble-Mitglieder bei den häufigen Kostümwechseln schnell in das richtige Gewand schlüpfen können. Ungefähr 600 Kostüme und Kostümteile lagern in den Regalen. Das weiße Bärenkostüm jedoch ist so sperrig, dass es an der Decke befestigt werden muss. Eine Minute hat sie Zeit, um dem Darsteller Oleg Karmazin in das Bärenfell zu helfen. "Meist geht es aber viel schneller", sagt Susanne Schulz. Kniffeliger ist die Sache mit dem braunen Bärenkostüm. Zehn Sekunden, mehr nicht, bleiben dann zum Kostümwechsel.
22:02: Schlussapplaus. Serkan Kaya gibt eine Zugabe und plötzlich steht neben ihm: Udo Lindenberg, der Echte, höchstpersönlich. Die Zuschauer toben vor Begeisterung,
22:32: Die Bars sind geschlossen, das Foyer ist fast menschenleer. Nur an Edina Alijics Merchandising-Stand stehen noch einige wenige Zuschauer. Eine Frau durchblättert einen Bildband, legt das Buch fort und entscheidet sich schließlich für die Tasse mit der Inschrift "Ich mach mein Ding!". Ihr Andenken an den Abend.